Überraschende Kommunikation vor laufender Kamera: Laura Wontorra und Thomas Tuchel im Interview

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Gestern abend war ich überrascht, angenehm überrascht. Nach dem aufregenden Europa League Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Liverpool interviewte Laura Wontorra Thomas Tuchel (leider gleich zwei Werbespots vorweg…). Sie fragte auch, ob die Dortmunder den Gegner nach der 2:0/3:1 Führung doch zu leicht genommen habe, was Thomas Tuchel, sichtbar unter dem Eindruck stehend, dass sein Team die Führung nicht über die Zeit gebracht hatte, mit klaren Worten zurückwies.
Zum Schluss des Interviews (ab ca. 2:10 min.) passierte das, was mich so angenehm überraschte. Laura Wontorra sagte zu Tuchel, dass sie ihn nicht hatte  angreifen wollen. Und er antwortete ihr, dass es so auch nicht angekommen sei.
Beides hat mich überrascht, weil es ein Moment großer Authentizität war und weil ich es als gelungene Kommunikation wahrgenommen habe.
Ich denke, Laura Wontorra hat gespürt, dass
es einen Misston zwischen ihr und Tuchel gegeben hat oder gegeben haben könnte und hat den Willen gehabt, das anzusprechen und auszuräumen, soweit möglich. Und zwar nicht erst nach den Live-Bildern, sondern währenddessen, vor laufender Kamera.
Sie hat vielmehr getan als nur die Rolle der Reporterin einzunehmen, die den Trainer im Interesse der Zuschauer*innen hartnäckig befragt, sondern sie ist ein Stück darüber hinaus gegangen, hat etwas von sich gezeigt. Und das finde ich höchst bemerkenswert, weil es eine Ausnahme ist. Eine wohltuende Ausnahme , finde ich. Sie hat in diesem Moment großen Mut gezeigt und ein super Vorbild für engagierte Kommunikation, die wirklich an Austausch interessiert ist, gegeben. Thomas Tuchel hat aus meiner Sicht mit seiner einmal wiederholten Antwort, dass er es auch nicht so verstanden habe,  sich auf die gelingende Kommunikation eingelassen. Was ich zusätzlich zu seinem ohnehin authentischen Auftritt ebenfalls positiv bemerkenswert finde.

Berichterstattung im Fernsehen (und leider auch mehr und mehr im Radio) erlebe ich meist so, dass zuverlässig Rollen eingenommen und abgespielt werden. Und mehr und mehr wird dabei vor allem Marketingkriterien genügt, so mein Eindruck. Soundso hat ein Interview zu laufen, dieses und jenes Bild soll von einem selbst gezeigt werden und in dieses oder jenes Licht sollen die Gesprächspartner*innen gestellt werden. Und das ist nicht nur beim Sport so, sondern an vielen Orten, wo massenmediale Kommunikation stattfindet. Jede Person ist in erster Linie darauf bedacht, in einem bestimmten Licht zu erscheinen und ein bestimmtes Bild von sich zu vermitteln. Und wir halten es dann als Zuschauer*innen dann für wahr, wirklich und echt, dass  Kommunikation so sein solle. Ein Schmarrn! Und eine vertane Chance, zu nutzen, was Kommunikation bieten kann.

Man könnte einwenden,. dass das sogenannte Reality TV doch authentische Kommunikation abbilden würde. Nichts trifft weniger zu, denke ich. Reality TV erscheint mir als die Spitze inszenierter Kommunikation, noch dazu richtig schlecht inszenierter. Der scharfzüngige Fernsehkritiker Roger Willemsen hat sich in den gesammelten Glossen „Unverkäufliche Muster“ darüber zutreffend ausgelassen.

Mag sein, dass die beiden Beteiligten das anders empfunden haben. Mag sein, dass ich hier eine Kleinigkeit sehr hoch hänge.
Tatsächlich aber bin ich Laura Wontorra und Thomas Tuchel sehr dankbar dafür, dass es diesen Moment offener zugewandter Kommunikation im TV gab.
Kommunikation ist mehr als das Ausfüllen zugedachter Rollen.
Und fruchtbarer Austausch entsteht vor allem dann, wenn Kommunikation darüber hinaus geht. Das gilt beileibe nicht nur für’s Fernsehen, aber auch dort.

Liebe Leser*innen, Euch und Ihnen ein schönes Wochenende! :-)

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