Feindschaftliche Denkmuster

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Vor kurzem hatte ich ein Teamcoaching in Berlin. Da ich schon länger nicht mehr dort war, nutzte ich das Wochenende, um neben der Arbeit alte Freunde zu treffen und etwas in Tourismus zu machen. So entschied ich mich spotan dafür, das Holocaust-Mahnmal beim Brandenburger Tor und die darunter liegende Ausstellung zu besuchen. Ich wusste zwar aus früherer intensiver Beschäftigung mit dem Thema, dass es neben den Gaskammern auch Massenerschießungen gegeben hat, neu war für mich aber die Info, dass Massenerschießungen fast ein Drittel aller 6 Mio. Ermordeten betreffen.

Feindseligkeit? Feindschaftlichkeit.

Mich interessiert als Coach die Haltung hinter einer derartigen Handlung, einen solchen Massenmord zu begehen.
Feindseligkeit ist die Haltung, die ich dahinter sehe.
Und da stoße ich auf ein begriffliche Problem:
Der Ausdruck FeindSELIGkeit beinhaltet, dass es im feindlichen, zerstörerischen Verhalten so etwas gäbe wie Zufriedenheit, wie Entspannung, wie Glück gar. Aus meiner Sicht ist das nicht zutreffend und ich komme darauf unten noch einmal zurück.
Ich will den Begriff Feindseligkeit daher hier durch Feindschaftlichkeit ersetzen.

Noch ein paar weitere Unterscheidungen, die wichtig sind:

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Ich verstehe Wut als Empfindung, die plötzlich auftritt, die sich aufstauen kann und die auch gepflegt werden kann.
Hass hingegen begreife ich als genau diese Pflege des Gefühls der Wut. Hass begreife ich also nicht als Gefühl sondern als Konzept. Ein Konzept wiederum ist dann etwas, für das ich mich entscheide, es haben zu wollen, es für mich als Denk- oder Handlungsgrundlage anzunehmen.
Feindschaftlichkeit ist aus meiner Sicht dann das übergeordnete Konzept, ein Konzept, das mir ermöglicht, Gefühle der Wut zu pflegen, beizubehalten und sie in einer „haltbareren“ Form (Hass) aufzubewahren und in einen umfassenderen Kontext zu setzen, wo ich den Hass mit anderen Phänomenen verbinden kann, insbesondere Schuldige finden kann.

Diese Unterscheidung ist mir wichtig, weil:

– Wut mir verständlich, natürlich erscheint und ich sie für gut handhabbar halte, wenn sie reflektiert wird, wenn wir uns bewusst machen, dass und wenn wir sie spüren. Die Unterdrückung von Wut und ein nicht-wahrhaben-wollen von Wut hingegen finde ich problematisch, ungesund, im schlimmsten Fall auch gefährlich. Das kann eine Quelle für den Hass sein: Ich spüre die Wut, aber bin nicht bereit, dahinter zu schauen oder ich spüre sie nicht wirklich und mag  nicht anerkennen, dass ich wütend bin. Mir entgeht, dass meine Wut oft mit anderen Gefühlen wie Angst, Trauer etc. zusammenhängt. Ich sehe nur noch durch eine ganz schmale Brille das oder den oder die, worauf ich wütend bin und fixiere mich darauf, dass das, die, der verantwortlich dafür seim müssen, dass ich mich so mies fühle.
Wenn ich hingegen Wut reflektiere, stehen die Chancen sehr gut, dass ich trotz Wut keine Gewalt ausüben werde, dass ich der Wut zu gestehe, dass sie da ist und ich sie habe, aber ihr nicht die Oberhand über mein Verhalten und meine Impulse lasse.

– Hass aus meiner Sicht die gefährliche Kultivierung der Wut ist. Wut zu kultivieren ist wiederum eine Entscheidung. Und dafür bin ich selbst verantwortlich, niemand sonst.

– Feindschaftlichkeit ein Konzept ist, das schon über Hass hinausgeht. Ein Konzept, das Hass als Mittel einsetzt, strategisch einsetzt, um Ziele zu erreichen. Feindschaftlichkeit ist noch viel mehr meine eigene Entscheidung als Hass. Feindschaftlichkeit ist so aus meiner Sicht eine überdachte, eine durchdachte Entscheidung, die ich immer wieder füttere, um deren Annahmen zu bestätigen und deren zerstörerische Kraft ich bewusst weiter nutzen will.

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Ich erinnere daran, dass ich oben davon sprach, den Begriff Feindseligkeit durch Feindschaftlichheit zu ersetzen.
Im Coaching ebenso wie im Privatleben habe ich erlebt, dass feindschaftliche Denkmuster nie zu Glück, Zufriedenheit, zu Entspannung oder auch nur zu weniger Angst führen. In Gegenteil: Feindschaftliche Denkmuster (und das müssen längst nicht so großkalibrige Aussagen, wie „auf Menschen schießen dürfen müssen“ sein – nein, auch im Kleinen entwickeln wir oft genug feindschaftliche Denkmuster uns selbst und anderen gegenüber) erzeugen Spannung, Frustration, mehr Angst, mehr Hass oder Selbsthass (mit dem die Feindschaftlichkeit dann wieder weiter gefüttert wird), mehr Unsicherheit und auch mehr Missgunst im direkten Umfeld. Anders ausgedrückt: Feindschaftlichkeit entzieht sich zu allem Überfluss einer Kontrolle durch Einhegung: Wenn ich feindschaftliche Denkmuster hege, werde ich sie nicht nur dort anwenden, wo ich sie anwenden will, sondern sie werden mich auch da in den Griff bekommen, wo ich sie ganz und gar nicht haben will. Spätestens in mir selbst werden sie weiter wirken.
Feindschaftliche Denkmuster haben noch weitere Folgen: Sie greifen uns körperlich an. Sie schwächen uns, Sie sorgen für ständige Anspannung, für Ängste und massives Unwohlsein – wenn noch nicht heute, dann später.
Und es geht nichts voran. Fortschritt, Entwicklung für uns selbst ist ad absurdum geführt. Warum sollte auch Entwicklung stattfinden, wenn sich das feindschaftliche Denkmuster doch fleißig weiter selbst bestätigen und Alternativen im Denken ausschließen muss, um erfolgreich existieren zu können.

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Wie gesagt, habe ich die Wirkungskraft von feindschaftlichen Denkmustern sowohl bei mir selbst als auch im Umfeld und bei Klientinnen und Klienten und in Teams mitunter erlebt und stelle fest: feindschaftliche Denkmuster sind dysfunktional, ungesund und schmerzhaft. Auflösen, abmildern lassen sie sich aber durch Bewusstheit und Reflektion. Und durch eine eigene Entscheidung für ein besseres Lebensgefühl.

Heutzutage, ca. 75 Jahre nach den o.a. Massenerschießungen gibt es in vielen Ländern immer noch und immer wieder Menschen, darunter auch Politiker und Politikerinnen, die deutlich machen, dass das Schießen auf Unbewaffnete für sie ein Mittel der Politik sein kann.
Gesellschaftlich können feindschaftliche Denkmuster zu furchtbaren Katastrophen führen. Das hat die Geschichte viele Male gezeigt. Auch das sollten wir im Kopf behalten. Unbedingt.

Nachdenkliche Grüße,
Euch und Ihnen
eine gute Woche.

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