Wenn du eine Woche in meinen Schuhen gehen müsstest…

image

…dann könntest du besser verstehen… und würdest vielleicht anders denken, reden, handeln.

So oder ähnlich lautet eine indianische Redewendung. Und gemeint ist damit die Übernahme einer anderen Perspektive, die Übernahme der Sichtweise, die die Person mit den anderen Schuhen hat.

Und ich habe ein sehr treffendes Beispiel dafür:

vor über 20 Jahren trug ich im Grunde ständig nur ein einziges Paar Schuhe, weil meine Fuß- und Zehengelenke durch eine Art entzündlichen Rheumas aufgequollen waren und sehr starke Schmerzen verursachten. Ich könnte lediglich diese ausgelatschten Schuhe an den Füßen ertragen. Meine damalige Freundin Kathrin, als Orthopädiemechanikerin tätig, fertigte mir besondere Sohlen dafür an. Eines Tages erzählte sie mir, dass einer ihrer Kollegen gesagt hätte: „Hoho! Welcher Looser trägt denn solch ausgelatschte Schuhe?!“ Meine Freundin entgegnete, dass er seine Worte noch mal überdenken solle, wenn er sich vorstelle, dass er vor lauter Schmerz nur noch solche Schuhe an den Füßen ertragen könne. Ihrem Kollegen blieb der Mund offen stehen und er schaute wie ein Rind, wenn’s donnert.

Offenbar ein Beispiel für eine gelungene Perspektivübernahme.

An dieser Stelle: Frohes neues Jahr, liebe Leser und Leserinnen!
Seit 4 Monaten habe ich hier nichts mehr gebloggt. Zum Teil, weil ich sehr wenig Zeit hatte. Zum Teil, weil ich des Schreibens müde war. Zum Teil, weil mich die Ereignisse in der Welt, in der Gesellschaft hochgradig irritiert und frustriert haben (und weiterhin irritieren und frustrieren) und es mir vorkommt, als gäbe es eine Art Bürgerkrieg in sozialen Netzwerken, als verrohten die Austausch- und Diskussionsformen immer weiter und als sei eine insgesamt (noch) asozialere Denk – und Handlungsweise (als ohnehin schon) in der Gesellschaft auf dem Vormarsch.

Perspektivübernahme? Welche Perspektivübernahme?

Und angesichts der Meldungen, die das neue Jahr und die vergangenen Wochen bereit gehalten haben, verschwindet meine Skepsis nicht, sondern wird eher größer. Massenhafte Hinrichtung von Andersdenkenden in einem Land, welches immer noch von Politik und Wirtschaft als Partner angesehen wird… die Aushebelung und Unterdrückung von Prinzipien der Unabhängigkeit in Justiz und Medien durch rechtsnationalistische  Politik in einem Nachbarland… das fortwährende Erstarken einer rechtsnationalistischen Politik und Front in einem anderen Nachbarland… massenhafte organisierte sexuelle Übergriffe in der Öffentlichkeit… Gewalttaten, Hetze und Terror gegen Menschen, die aus Kriegsgebieten kommen oder aus Gebieten, in denen sie wirtschaftlich kaum überleben können… fanatischer Terror in der Hauptstadt eines Nachbarlandes gegen Menschen, deren Lebensart Terroristen zerstören wollen, weil es nicht ihre eigene ist… eifrig Waffen und Rüstungsgüter exportieren und sich dann wundern, wenn dort Kriege nicht enden und Menschen aus diesen Ländern fliehen… eine Wirtschaftsordnung, die ohne mit der Wimper zu zucken Lebensläufe von Menschen und Lebensqualität von Menschen hierzulande und anderswo für maximales Gewinnstreben opfert…

Ich könnte kotzen!

Hier und da wird Symptomkorrektur betrieben, hier und da gibt es etwas Kosmetik für diese allesamt vollständig unakzeptablen Zustände, aber die Frage nach den tieferen Gründen derartiger Entwicklungen wird erstaunlich selten gestellt.

Ich denke, dass der Mangel an der Fähigkeit zur Perspektivübernahme, der Mangel an der Fähigkeit, sich in eine andere Person hineinzuversetzen, in deren Schuhen zu stecken, einer dieser tieferen Gründe ist.
Und ich halte es für möglich, unbedingt wünschenswert und unbedingt erforderlich, die Fähigkeit zur Perspektivübernahme zu entwickeln, zu lernen. Und das gilt für uns alle – und ich meine jetzt mit ‚uns alle‘ alle Bewohner dieses Planeten.

Perspektivübernahme: Üben,  üben, üben! Jetzt anfangen!

Und vermutlich fange ich am besten bei mir selbst an. Es ist schwer genug. Mir wird oft bewusst, dass ich gerade nur und ausschließlich durch meine eigene Brille blicke, nicht aber in der Lage bin oder auch bereit bin, in die Schuhe meines/meiner Gegenüber zu schlüpfen. Würde ich einige Stunden, einige Tage, einige Wochen in diesen Schuhen gehen müssen… Holla! Dann könnte ich wahrscheinlich dessen/deren Handeln besser verstehen.
Und ich möchte ja auch, dass die mir gegenüber stehende Person, egal ob nahestehend oder entfernt oder fremd, nachvollziehen kann, was meine Gründe für mein Verhalten sind. Jetzt aber mal im Ernst: kann ich das wirklich erwarten, kann ich das wirklich verlangen, wenn ich überhaupt nicht bereit bin, mich in die Schuhe der anderen Person einmal kurz zu versetzen? Nein.
Übrigens ist das ja nicht nur eine Frage politischer oder gesellschaftlicher Bedeutung. In meinem privaten Alltag jetzt und hier mit Partner/Partnerin, mit Freunden/Freundinnen, mit Kindern/Eltern/Geschwistern, mit Vorgesetzten/Untergebenen/Kollegen/Kolleginnen, mit Menschen, die ich im Alltag auf der Straße, beim Sport, im Kino, beim Einkaufen, beim Feiern treffe, stellt sich diese Frage doch ständig ebenfalls.
Beantworten wir Sie, diese Frage. Indem wir es öfter probieren, die Perspektive der anderen Person für einen Moment lang anzunehmen.

Kummer, Sorgen, Freude, Leid, Glück… sich vorstellen, wie das für wenn anders ist.

Mir hilft es in dieser Hinsicht, wenn ich mir vorstelle, welche Freuden und Leiden diese Person gerade erlebt. Ich stelle mir vor, welche Schwierigkeiten sie mit ihren Kindern, Eltern, Geschwistern, mit Partner/Partnerin, Freunden und Kollegen hat. Ich stelle mir vor, welchen Kummer sie dabei mitunter erlebt. Ich stelle mir vor, worüber sich diese Person richtig herzlich freut, ich stelle mir vor, wie diese Person Glück erlebt. Und ich stelle mir auch vor, wie diese Person empfindet, wenn sie ganz nah mit Tod und Vergänglichkeit konfrontiert wird.
Und sobald mir das gelingt, sobald ich mir eine Idee davon machen kann, wie diese Person das alles erlebt, fällt mir die Perspektivübernahme viel leichter. Und es entwickelt sich meistens ein herzenswarmes Gefühl. Das ist aber nur eine Möglichkeit. Mir hat es geholfen,  mir diese Vorstellungen zu machen. Dabei spielt es ja keine Rolle, ob diese Vorstellungen der Wirklichkeit entsprechen. Entscheidend ist, dass ich mal versuche, hinein zu spüren, wie es dieser Person wohl geht.

Und trotzdem: wir können es versuchen und manchmal wird es einfach nicht klappen. Es hat wenig Sinn, von uns selbst zu erwarten, dass wir ständig zu dieser Perspektivübernahme in der Lage sind. Perfektionismus in dieser Hinsicht kann nicht das Ziel sein. Wir können und sollten es meines Erachtens versuchen, ernsthaft und immer wieder versuchen. Wenn es aber  mal nicht gelingt, oder wir nicht in der Lage sind, überhaupt so weit zu denken, dann hat es wenig Sinn, dass wir uns selbst beschuldigen und runtermachen, weil wir es nicht geschafft haben.

In diesem Sinne: ich wünsche Euch und Ihnen ein frohes, gutes und heilsames Jahr 2016! :-)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Wenn du eine Woche in meinen Schuhen gehen müsstest…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s