Urlaub einerseits, Syrien andererseits – You are welcome!

Ich sitze im Zug von Wien/St.Pölten nach Kassel. Nach zehn Tagen Allgäu, Wien und Niederösterreich/Waldviertel mache ich dort einen kurzen Stop, bevor ich für weitere 8 Tage nach Norddeutschland und an die Ostsee fahre.
Fühlt sich gut an! :-)
Und bloggen tue ich in meinem Urlaub, automatisch und vorbereitet, drei Artikel aus dem Archiv, die mir erneut lesenswert erscheinen. Prima.

Aber ich hatte auf der Zugfahrt ein Erlebnis, was ich jetzt gern direkt zwischendurch bloggen will.
In Passau steigen viele Menschen hinzu, die ich für Flüchtlinge halte. Da ich in St.Pölten an zwei Vierer-Sitzen Platz genommen habe, ist Platz für sieben Personen dort.

Zu bequem, um in Kontakt zu kommen?

Eine Familie setzt sich zu mir, Mann, Frau, vier Söhne, vermutlich gut 20, 14, 8 und 4 Jahre alt und ein Mädchen, Kleinstkind. Sie sind ausgesprochen ernst und still. Der junge Mann schaut ernst aus dem Fenster. Der Achtjährige scheint vollkommen erschöpft, er schläft nur in seinem Sitz, der Vater legt kurzzeitig den Kopf auf den Händen auf dem Tisch ab.
Ich bin versucht zu fragen, woher sie kommen, wohin sie wollen, bin aber…
…ja, was eigentlich?
– zu bequem?
– zu feige?
– zu sehr mit mir befasst?
…um ein Gespräch zu beginnen.
Statt dessen überlege ich: Kommen sie aus dem Irak, aus Syrien? Das erscheinen mir die wahrscheinlichsten Möglichkeiten. So sitze ich da und überlege, lese, beobachte, lese, ärgere mich, dass ich nicht den Mut finde, ein Gespräch anzufangen und frage mich, was sie an Krieg in ihrer Heimat alles erlebt haben mögen… Eigentlich möchte ich Kontakt aufnehmen, komme aber nicht in die Hufe.

Wie fühlt sich wohl Flucht und Kontrolle an, wenn du aus einem Land kommst, in dem jahrelanger Krieg oder jahrelanges Elend herrscht?

In Nürnberg am Bahnhof stehen sehr viele Polizisten/Polizistinnen, auch Bundespolizei. Letztere kommen in den Waggon und fragen alle ausländisch wirkenden Personen:
¨Passport?¨
Wer keinen hat muss aussteigen. Die Polizisten/Polizistinnen verhalten sich konsequent, aber ruhig. Nichts eskaliert.
¨From Afghanistan? Syria?¨
¨Syria.¨ Die Familie nickt.
¨Passport?¨ Sie schütteln den Kopf.
¨No Passport? Okay, you have to go out.¨
Sie stehen auf und greifen nach ihrem Gepäck.
In diesem Moment zücke ich, spontan und ohne zu überlegen, eine meiner Visitenkarten, tippe erst dem Vater, dann dem ältesten Sohn auf den Arm. Der Vater bemerkt es nicht, der älteste Sohn dann schon. Ich gebe ihm meine Visitenkarte in die Hand mit den Worten:
¨If you expect any problems, call this number. We will see, what we can do for you.¨
Er schaut irritiert, erst die Karte an, dann mich, und ich weiß ja nicht mal, ob er Englisch versteht. Auch weiß ich nicht, ob das, was ich gerade tue, sinnvoll ist, noch, ob es irgendwas nützt oder wie es verstanden wird. Ich wiederhole meine Worte und setze für die Umstehenden deutlich vernehmbar hinzu:
¨For me you are welcome. You are welcome!¨
Ein Polizist dreht sich zu mir und sagt:
¨Die sind ja auch willkommen. Aber sie müssen hier raus und registriert werden.¨
¨Das verstehe ich. Ich will einfach etwas Willkommen zeigen.¨
¨Ja.¨ Er nickt.
Plötzlich reicht mir der junge Syrer und dann auch der Vater und ein jüngerer Sohn die Hand und drücken sie ganz leicht, während sie gehen und den Waggon verlassen…

Warum ich das hier erzähle?
Hm, weil ich ein bisschen zufrieden bin, dass ich meine Faulheit, Feigheit überwunden habe. Nicht stolz, aber ein bisschen zufrieden, nicht nur den Mund gehalten, sondern reagiert zu haben in dieser Situation.
Vor allem aber: Wenn meine Geste nur ein wenig dafür sorgen konnte, dass diese sieben Menschen wenigstens ein klein wenig Willkommen verspürt haben, dann hat sie Sinn gehabt.
Und wenn sie anrufen?
Dann werde ich halt damit umgehen und improvisieren: die dortigen Flüchtlingshilfeorganisationen anrufen, mich informieren und in meinem Umfeld erfragen, ob ich etwas und was ich tun kann.

Die Komfortzone mal verlassen

Die eigene Komfortzone aus Bequemlichkeit und mangelndem Mut mal verlassen – dieses Thema gehe ich beruflich mit meinen Klienten/Klientinnen oft durch. Hinsichtlich Zivilcourage und spontanem prosozialem Handeln im Alltag sollte ich das auch mal öfters machen – tut gut!

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