„Man müsste Sie umfahren!“ – Die vier Seiten einer Botschaft

7. August 2015 140900 MESZ

Neulich überquerte ich die Wilhelmshöher Allee in Kassel mit dem Fahrrad an einer Stelle, an der die Straßenbahngleise auf ca. 1 m nicht durch Bordsteine von der Fahrbahn abgegrenzt sind. Die Fahrbahn und die Straßenbahnstrecke ist in beide Richtungen hervorragend einsehbar und aufgrund von Kreuzungen beiderseits immer wieder für vielleicht 15-20 Sekunden vollständig verkehrsfrei. Das Überqueren ist also risikolos möglich, sofern mensch dies aufmerksam und verantwortungsbewusst tut. Leider ist der Radweg auf der anderen Seite mit hohen Bordsteinen von der Fahrbahn abgetrennt, so dass es nur Mountainbikern mit fetter Federgabel zu empfehlen ist, sich die Felgen dort eckig zu reiten…

Ca. 25 m weiter entgegen der Fahrtrichtung mündet die Seitenstraße ein, die mein Ziel ist. Wenn also überhaupt kein Gegenverkehr ist, radele ich fix diese 25 m entgegen der Fahrtrichtung.

Neulich ging just in diesem Augenblick, als ich dort lang kam, eine Fußgängerin auf dem Fußweg, machte ¨Tssss!¨ und setzte ein ¨Man müsste Sie umfahren!¨ hinzu. Diesen Ausruf beantwortete ich mit einer wenig schmeichelhaften Geste.

Der Vorgang brachte mich aber zum Nachdenken… Warum konnte ich ihre Irritation über mein Fahrverhalten nicht direkt akzeptieren, ohne mit einer Geste zu antworten?

Tatsächlich ist ja völlig klar, dass ich ein Fehlverhalten (gegen die Fahrtrichtung fahren) an den Tag gelegt hatte.

Ich konnte das nicht hinnehmen, weil ich den Wunsch nach einem Angriff auf meine Person gehört hatte. ¨Man müsste sie umfahren!¨ – Na klar, das klingt doch wie ein mit dem unpersönlichen Fürwort ¨man¨ verbrämtes ¨Ich will Sie umfahren!¨ Oder nicht? Oder wie ein Fluch: „Mögen Sie zu Schaden kommen!“ Oder? Na klar reagiere ich darauf mit Abwehr, wenn mir jemand derartigen Schaden an den Hals wünscht.

Hm… nicht immer ist alles so, wie es scheint, oder?

Nicht immer meinen die Menschen, mit denen wir in Kontakt sind, genau das, was wir daraus hören, oder?

Friedemann Schulz von Thun spricht von den vier Seiten einer Nachricht.

Nach seinem ebenso verblüffend einfachen wie aufschlussreichen 4-Ohren/4-Schnäbel-Modell (auch Kommunikationsquadrat genannt) hat eine Nachricht von einer Person zur anderen vier potentielle Inhalte:

– Sachbene

– Beziehungsebene

– Ebene der Selbstäußerung

– Ebene des Appells

An einem Beispiel lässt sich das wunderbar erkennen: 2 Personen sitzen im Auto an einer Ampel, der/die Beifahrer*in sagt: ¨Es ist Grün.¨

Auf der Sachebene teilt die Person eine sachliche Information mit: dass die Ampel nicht mehr rot, sondern grün ist.

Auf der Beziehungsebene kann damit gemeint sein, dass die Person helfen oder kritisieren will, was der/die Fahrer*in tut bzw. nicht tut.

Die Ebene der Selbstäußerung (auch als Selbstkundgabe oder Selbstoffenbarung bezeichnet) könnte besagen, dass die Person sehr eilig ist, ohnehin schon gestresst ist und akut unter Druck, Anspannung leidet.

Auf der appellativen Ebene könnte die Aussage bedeuten, dass der/die Fahrer*in jetzt (endlich) losfahren soll, aufmerksamer sein soll, letztlich besser für die Erfüllung der Bedürfnisse der beifahrenden Person sorgen soll.

Und nicht nur kann eine Botschaft des/der sendenden Person einen oder mehrere verschiedenen Inhalte transportieren, auch der/die Empfänger*in hört nach eigenem Ermessen, was wohl gesagt worden sein mag, auch vier verschiedene Varianten bzw. Mischungen daraus. Ein weiteres gutes Beispiel sehen Sie hier:

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Zurück zum Beispiel: Was könnte der Satz ¨Man müsste Sie umfahren!¨ der erschrockenen Fußgängerin auf den verschiedenen Ebenen bedeuten?

– Sachbene: „Man müsste um Sie herum fahren, um einen Unfall zu vermeiden.“ (Auch denkbar, wenngleich unwahrscheinlich, finde ich)

– Beziehungsebene: „Ich mache mir Sorgen, dass Ihnen etwas passiert.“ (Auch das könnte in der Nachricht drin stecken und es würde mich anrühren) oder auch „Das wünsche ich einem Verkehrssünder wie Ihnen, dass Sie mal so richtig Schaden nehmen, damit Sie klug werden“ (Das trifft dann in etwa das, was ich gehört hatte…)

Spannend ist, dass diese Äußerungen ganz nah an der Selbstkundgabe dran sind, die so lauten könnten:

– Ebene der Selbstäußerung: „Mir passt es nicht, dass durch Leute wie Sie der Verkehr durcheinander gebracht wird.“ oder „Mich regt ein solches Verhalten im Straßenverkehr auf. (Es macht mir Angst)“

– Ebene des Appells: „Fahrt ihn um, er hat es verdient.“ (Auch nah an dem dran, was ich gehört, interpretiert hatte) oder (wahrscheinlicher) „Hören Sie auf, sich so daneben zu verhalten! (Womöglich passiert noch was!)“

Da schau her! So unterschiedlich könnte der Inhalt der Botschaft sein, die die Dame mir zurief.

Fakt ist, dass ich es nicht weiß, was mir die Fußgängerin mitteilen wollte. Ich habe eine Idee, aber genau wissen kann ich es nicht. Und: Ich neige dazu, mit einem bestimmten Ohr zu hören. Ich höre oft mit dem Appell-Ohr, fühle mich schnell in einer Rechtfertigungsposition, fühle mich schnell angegriffen. Auch sehr schnell höre ich mit dwm Beziehungsohr, fühle mich z.B. abgelehnt oder eben (siehe oben) angegriffen. Und da ist ein Wert dieses zuerst nervig anmutenden Ereignisses: Ich stoße noch einmal drauf, wie sehr ich in manchen Konfliktsituationen zuerst höre. Wir alle haben so unsere bevorzugten Ohren, mit denen wir hören und unsere bevorzugten Schnäbel, mit denen wir sprechen. Und drücken mitunter etwas mit einem Schnabel aus, meinen aber inhaltlich das, was ein anderer Schnabel klar und deutlich sagen sollte, damit wir richtig verstanden werden.

Um es vorwegzunehmen: Nein, ich meine nicht, dass sich unsere Kommunikationsprobleme lösen lassen, wenn wir jeden Dialog analysieren, womöglich noch in Echtzeit. Sich aber in einem Konflikt, besonders einem immer wiederkehrenden Konflikt mal die Zeit zu nehmen, um gemeinsam in Ruhe drauf zu schauen, wie wir eigentlich gerade kommunizieren, kann sehr hilfreich sein.

Machen Sie es doch mal! Probieren Sie mal aus, was eine Nachricht auf den verschiedenen Ebenen bedeuten könnte und überlegen Sie, mit welchem Ohr Sie bevorzugt hören. Eine spannende Methode, um eigenen Denk- und Verhaltensmustern mehr auf die Schliche zu kommen.

Noch etwas zum obigen Beispiel: in einem Comic von den Peanuts sitzt Sally am Schreibtisch und schreibt auf ein Blatt Papier „Libe…“ Ihr Bruder Charlie Brown kommt vorbei und verbessert sie: “ Es heißt „Liebe“. Die korrekte Schreibweise ist „Liebe“, mit der man einen Brief beginnt.“ Sie schreibt weiter: Libellen sind wunderbare Insekten… Er wird vor Scham ganz rot im Gesicht, als sie ihn anherrscht: „Eine Menge Probleme in der Welt entstehen dadurch, dass manche Menschen losreden, obwohl sie nicht wissen, was überhaupt vor sich gegangen ist!“ woraufhin Charlie Brown mit hochrotem Kopf den Raum verlässt…

Nun, die Frau, die mir den Satz zurief, wusste nicht, dass ich lediglich 30 Meter in Gegenrichtung unterwegs war und keinesfalls eine längere Strecke. Und sie wusste auch nicht, dass ich nie rote Ampeln überfahre und mich als Verkehrsteilnehmer (so wenigstens mein Selbstbild… ;-) fast immer betont rücksichtsvoll verhalte. Ihr Urteil war aber schnell gefällt. Auch da könnte also in dramatischeren Situationen Erklären helfen.

Was hab ich gelernt?

Hm, ich überquere die Straße immer noch dann, wenn kein Verkehr ist, fahre aber die 20 m nicht mehr entgegen der Fahrtrichtung sondern hieve mein Fahrrad den Bordstein hoch.

Übrigens: Sally streicht dann den Satz wieder durch und schreibt verbessert drunter: Liebe Großmutter… ;-) ;-)

Euch und Ihnen ein super Sommerwochenende! :-)

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