Macht – begehrt, verrufen… überbewertet oder unterbewertet?

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Vor gut 3 Wochen hatte ich die Gelegenheit, auf eine Einladung hin Gast beim 12. Kasseler Jugendsymposium sein zu können, zu dem wir bei uns im Haus eine Gästegruppe beherbergten. Da dort aber Jugendliche an und für sich unter sich sein können sollen, besuchte ich nur einen der zahlreichen Vorträge.

Ich hatte Lust darauf, etwas zu den ¨7 Säulen der Macht¨ zu hören…

Und es hat sich gelohnt! Die Referentin Suzanne Grieger-Langer lieferte einen beeindruckenden Vortrag, dramaturgisch spannend, rhetorisch super und gut auf die Zielgruppe abgestimmt. Auch inhaltlich hat mich der Vortrag angeregt, mich mal wieder mit dem Thema Macht zu befassen.

Gleichwohl mochte ich die Schlüsse, die Frau Grieger-Langer aus ihren Überlegungen zog sowie die politischen Botschaften, die sie dem jungen Publikum vermittelte, weniger. Aber der Reihe nach:

Sie stellte Ihr Modell, die 7 Säulen der Macht, vor, reizvollerweise an die Chakren angelehnt, was eine von vielen interessanten Möglichkeiten ist, innere Vorgänge Phänomene strukturiert zu betrachten. Und sie stellte zu jeder Säule eine positiv klingende Qualität immer einer negativ klingende Qualität gegenüber. Von unten nach oben liest sich ihr Modell so:

Säule: Standfestigkeit (Qualitäten: +Vetrauen   -Angst)

Leidenschaft (+Genuss   -Scham)

Selbstkontrolle (+Verantwortung   -Selbstgerechtigkeit)

Liebe (+Zuwendung   -Mitleid)

Kommunikation (+Wahrheit   -Lüge)

Wissen (+Intuition   -Illusion)

Ethik (+Achtsamkeit   -Mitläufer)

Was nutzt mir das?

Nun, es gibt mir ein spannendes Tool an die Hand, um mich zu hinterfragen, wie ich es denn mit Macht halte. Bei den meisten Menschen nehme ich eine stark gefärbte Einstellung zur Macht wahr. Entweder wird das Ausüben von Macht grundsätzlich massiv abgelehnt oder es gibt ein klammheimliches oder offen zur Schau gestelltes Begehren von Macht. Eine kühle, neutrale Einstellung dazu erlebe ich selten.

Hm… aus meiner Sicht ist eine polarisierte Hin- oder Abwendung nicht hilfreich, sofern ich einen ganzheitlichen Blick bewahren möchte.

Was geschieht, wenn ich ohne Bedenken Machtausübung als ein gängiges Mittel meiner Handlungen zur Durchsetzung bestimmter Ziele anwende?

Und wie ist es um meine Integrität bestellt, wenn ich Macht klammheimlich begehre, aber es mir nur unterschwellig bewusst ist, ich es mir nicht zugestehe?

Und schließlich: wo bleibt die psychische Ambivalenz, wenn ich sicher bin, mit Macht nichts aber auch gar nichts zu tun haben zu wollen und zu tun zu haben?

Alle dieser Einstellungen leben davon, dass sie blinde Flecke haben.

Mir scheint eine deutlich neutralere, kühlere und ausbalanciertere Einstellung zu Macht gesünder zu sein UND mehr Souveränität zu verleihen. Wenn ich mir wie Meister Yoda (der kleine, grüne, schlaue und weise und etwas schrumpelige Jedi-Ritter und Philosoph aus Star Wars) bewusst darüber bin, dass es Vielfältigkeit in mir gibt (die Ablehnung von Macht, das Interesse an Macht, das Begehren von Macht, Gier, Machtwillen und Angst ebenso wie Verantwortungsbewusstsein, Genügsamkeit, Milde etc. etc.), wird es mir leichter fallen, einzuschätzen, was Macht bewirkt, was Macht in meinen Händen bewirkt, bewirken kann.

Hier kommt jetzt das Tool ins Spiel: Ich kann in mich gehen, wie ich es mit den negativen und positiven Qualitäten halte, kann (gut in einer Gruppe!) reflektieren und reflektieren lassen, wie mein Verhältnis und mein Umgang mit Macht ist und ob das zu meiner Sicht auf die Welt und mich selbst passt.

Und: was maskiert sich als was? Ein polemisches Beispiel: Die Damen und Herren von der NRA, den Befürwortern des Tragens von Waffen in den USA, leiden meines Erachtens unter einem massiven Mangel an Vertrauen. Immer mehr Waffen wollen, um sich gegen mögliche Bewaffnete zur Wehr zu setzen? Das klingt in meinen Ohren nach Angst, nicht nach Vertrauen. Gleichwohl werden sie vermutlich in Anspruch nehmen, sehr verantwortungsbewusst zu handeln. Ist das so? Für mich riecht das angesichts eines massiven jährlichen Blutzolls, den vor allem Kinder und Menschen dunkler Hautfarbe bezahlen, eher nach Selbstgerechtigkeit. Selbst- und Fremdsicht stimmen so überhaupt gar nicht überein. Was mache ich da? Wie verdreht wende ich Macht an? Und wie verheerend ist meine Machtausübung, weil ich mir über meine Motive nicht klar bin? Reflektion hilft (meistens… ob im Falle der Waffenbegeisterten, wage ich nicht einzuschätzen…).

Auf der anderen Seite bin ich kein Freund davon, Macht grundsätzlich abzulehnen und so zu tun, als hätte ich damit gar nichts zu schaffen. Das erscheint mir nicht realistisch. Ich habe mit Macht zu tun, vielleicht häufiger als mir bewusst und als mir lieb ist. Wenn ich, wie oben beschrieben, mal zulassen kann, wie es wohl mit meinem Verhältnis zur Macht aussieht, kann ich mir klarer darüber werden, wann ich Macht anwende und wann ich das bleiben lasse. Insbesondere kann ich mir dann besser die Frage stellen, wie es sich anfühlt, wenn ich Macht ausübe oder ich die Ausübung verweigere.

Fühlt es sich toll an? Kurzfristig? Oder auch anhaltend? Immer noch, wenn ich die Folgen in Betracht ziehe?

Fühlt es sich gut an, wenn meine Machtausübung durch ein Motiv wie Angst geschieht? Oder eher, wenn mein Motiv Vertrauen ist?

Meiner Meinung nach werden wir nicht abschließend Gewissheit erlangen, ob wir persönlich Macht nutzen oder ausnutzen, gebrauchen oder missbrauchen werden.

Aber wir können uns bewusster machen, was wir da wünschen, was wir wollen, was wir da tun.

Zurück zum Vortrag: Suzanne Grieger-Langer führte aus, dass mensch entweder Pfeife (gutwillig, aber unfähig), Performer (total fähig und tendenziell gutwillig) oder Psychopath (fähig, aber trickreich und bösartig) sei und dass die Performer vor den Pfeifen und den Psychopathen zu schützen seien, um erfolgreich liefern zu können.

Das mag im Fluss einer Organisation rein betriebswirtschaftlich Sinn ergeben, aber mir gefällt die Polarisierung und Schubladisierung nicht, noch nicht mal im Modell. Ich hab in meinem Blog ja schon mehrfach geschrieben, dass ich den üblichen Umgang in Massenmedien mit Begriffen wie ¨Psycho¨, ¨Psychopathie¨, ¨Psychiatrie¨ diffamierend und unangemessen, also einfach übel, finde. Hier taucht der Begriff wieder auf, natürlich diffamierend. Ich wünsche mir mehr Fingerspitzengefühl beim Umgang mit Begriffen, gerade mit solchen, die schon einen bestimmten Ruf weg haben. Hier dient der Begriff als Mittel des Marketings… das ist vor dem Hintergrund des Marketing-Performers sicher gut machbar… aber muss das sein? Nein, muss nicht sein, finde ich.

Und ich geh nicht mit, dass es nur um Performer, Psychopathen und Pfeifen geht. Oft genug sind Menschen einerseits Performer, andererseits aber auch Pfeife oder Psychopath (um hier, wenngleich wiederwillig, die Begrifflichkeiten der Übersichtlichkeit halber weiter zu verwenden): in der Firma als clevere und akzeptierte Führungspersönlichkeit vor Erfolg strotzend, aber in der Familie ein verantwortungsloser Versager… Im Privatleben und im geselligen Beisammensein vorbildlich, herzlich und zuvorkommend, beruflich aber eine Null… etc. etc.

Auch die Leistungsfixierung finde ich als Motiv einer Einordnung nicht überzeugend, wenngleich in derartig orientierten Marktsegmenten, in denen Frau Grieger-Langer arbeitet, die Verhältnisse widerspiegelnd. Ich bin ja kein Freund des Prinzips, dass Konkurrenz als Konzept Vorfahrt vor Kooperation hat sondern gehe davon aus, dass eine Gesellschaft nur lebenswert bleibt, wenn Kooperation Leitmotiv ist, der enorme Wert gelegentlicher Konkurrenz jedoch gesehen, gepflegt und eingesetzt wird.

Dankbar bin ich aber für einen spannenden und hochgradig kurzweiligen Vortrag und ebendiese sehr kreative Anregung, das Thema Macht zu reflektieren und damit zu arbeiten. Schadet uns allen nicht.

Puh, gefühlt ist es 30° am Schreibtsich… ich werde mal gerade für eine Pause vom Performer zur Pfeife… ;-)

Euch und Ihnen eine gute Zeit, sommerlich oder nicht!

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