Kommune? Aussteigen?? – Ganz im Gegenteil: Einsteigen!

Ein aufregendes und inspirierendes schönes Wochenende liegt hinter mir
Ich war in Mecklenburg beim „Los geht’s“, einem Festival von Menschen und Gruppen aus Kommunen für Interessierte, die in Kommunen, Gemeinschaften, Wohnprojekten leben wollen, Wohnprojekte bereits gründen oder erstmal nur Informationen dazu suchen.
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Das Wetter war ziemlich kühl für Pfingsten, aber das war auch schon der einzige Wermutstropfen eines prima Wochenendes. Die Organisation war super und ebenso die Atmosphäre sowie das Verhalten aller Teilnehmer*innen. Herumliegender Müll? Fehlanzeige. Glasscherben? Nö. Stress? Auch nicht.
Und die Bezugsgruppe, die ich zusammen mit Regine Beyß geleitet habe, war super: die Teilnehmer*innen waren voll dabei, sehr begeistert und offen und neugierig! Und wenn ich die Feedbacks richtig wahrgenommen habe, sind da einige Leute über bisher bestehende Vorbehalte hinaus. Das hat natürlich sehr viel Freude gemacht.
Überhaupt war es ermutigend, zu sehen, wie viele Menschen völlig unterschiedlichen Alters sich für Lebensformen interessieren, die weder Singlehaushalt oder Kleinfamilie entsprechen und über Wohn- oder Hausgemeinschaft hinausgehen.

Kommune? Ist das nicht Nostalgie? Heißt das nicht einfach nur: Aussteigen?

Das hat neulich der Bayerische Rundfunk in einer Sendung zum Thema Nostalgie gefragt.
Nun wollte sich ja SAT 1 um das Thema Kommune/Lebensgemeinschaft verdient machen, indem dort mit Newtopia einfach das Prinzip des Big Brother-Container-Abwahlspiels auf eine fiktive Kommune übertragen wurde.
Nun… mit Kommune, Wohnprojekt oder Lebensgemeinschaft hat das wenig bis gar nichts zu tun, aber ganz schlicht mit Programmplanung, Zuschauer*innenquoten, Werbeeinnahmen und Marketing. Tatsächlich sind manche Vorgänge dort von einem Leben in Kommunen, so wie ich es kenne, viel weiter entfernt als von anderen sozialen Zusammenhängen (Familie, Arbeitsteams, Nachbarschaft, Verein…). Da ist Authentizität auch gar nicht notwendig, tut SAT 1 doch einfach nur das, wofür sie bezahlt werden: Entertainment, nicht Information. Glaubt bitte aber nicht, Ihr würdet darüber irgendetwas Substanzielles über Kommunen, Wohnprojekte, Gemeinschaftsleben erfahren.

Einstieg statt Ausstieg

Hm, ist Kommune Ausstieg?
Ich sag: Nein, das ist nicht der Fall.
Vielmehr noch: die Entscheidung für ein Leben in Kommunen, in Lebensgemeinschaften, in Wohnprojekten, in Mehrgenerationenhäusern ist ein Einstieg. Ein Einstieg in die Verantwortung. Sie bedeutet den Einstieg darin, verantwortlich für das Miteinander von Menschen, für die Gesunderhaltung von Einzelnen und Gesellschaft und Natur sein zu wollen.

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Ein Beispiel: eine Mitbewohnerin hat vor eineinhalb Jahren einen Schlaganfall erlitten und ist in einem gewissen Umfang auf Assistenz, Betreuung und Unterstützung angewiesen. Für das Leben im Single- oder Kleinfamilienhaushalt heißt das, dass sich entweder Angehörige oft bis auf die Knochen (da zusätzlich zur üblichen Arbeitsbelastung) abarbeiten müssen, deren Leben massiv beeinflusst wäre oder dass eine Versorgung oder auch Unterbringung mittels Pflegeeinrichtungen nötig sein würde, die bei der betroffenen gehandicapten Person mit erheblichen Veränderungen (oft auch Einschränkungen, mindestens gefühlten) der Lebensqualität einhergehen würde.
Nicht so in gut strukturierten, gut kommunizierenden solidarisch agierenden Kommunen, Wohnprojekten. Unsere Rollstuhlfahrerin spricht oft davon, dass es keine Einschränkungen hinsichtlich der Lebensqualität für sie gibt, außer den körperlichen der Behinderung natürlich.
Das ist Verantwortung. Verantwortung für- und miteinander.
Und das ist Einmischung in einer Gesellschaft, die die Folgen von Schicksalsschlägen individualisiert.

Freiheit durch Individualität?

Ich will mal einen anderen Gedanken zum Thema Aussteigen ins Spiel bringen:
Wenn wir das mal für einen Moment so sehen, dass das Single-Leben (soweit mir bekannt, die immer noch zunehmende Lebensweise) der Ausstieg ist: Der Ausstieg aus Verbindlichkeit, aus Gemeinsamkeit, aus Solidarität, auch der Ausstieg aus Verbundenheit und Verantwortung.
Der Gewinn mag die Freiheit der Individualität sein…
Nun, ich hatte vor einiger Zeit jahrelang reichlich dieser sogenannten Freiheit: Ich war selbstständiger Unternehmer, konnte in gewissem Rahmen
mein Einkommen selbst bestimmen, wohnte allein in einem schmucken Fachwerkhäuschen oder vorher mit Partnerin in einer großzügigen Stadtwohnung… (und ja: BMW zu fahren war toll!)…

BMW und Fachwerkhäuschen

Verantwortlich war ich vor allem dafür, dass die Firma lief (und das war tatsächlich auch Gemeinsamkeit, weil ich das Unternehmen zusammen mit einem Kompagnon leitete) und genug Einkommen für mich und zeitweise für mich und meine damalige Partnerin vorhanden war.
Verbundenheit war nur in einer sehr fixierten Form da, Verbindlichkeit war mühsam, eher in Abhängigkeiten erscheinend.
Solidarität und Verbundenheit mit anderen Menschen und der Natur um mich herum existierte entweder theoretisch oder in Form eines schlechten Gewissens oder einer diffusen Idee von Fairness.
Soweit der Gewinn durch die Freiheit der Individualität.

Ich habe das Leben in Gemeinschaft gewählt, weil es mir damit besser geht: Sozial, ökologisch, seelisch, körperlich und wirtschaftlich.
Ich habe es weniger gewählt, um die Welt zu verbessern als um mich selbst wohler zu fühlen. Dass ein Stück Weltverbesserung (sofern wir jetzt eine Übernahme von mehr Verantwortung als Beitrag dazu annehmen wollen) damit gewissermaßen automatisch geschieht: umso besser! Und dies füttert wiederum das Wohlgefühl.

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Gemeinschaften und Gesunderhaltung

Mit diesem Thema hab ich mich neulich im Zuge einer Einladung zu einem Vortrag intensiver befassen können.

Das Leben in einer Kommune ist nur eine der vielen Lebensformen in unserer Gesellschaft und ich habe nicht den Anspruch, damit in einem Wettbewerb zu den anderen Lebensformen zu treten. Vielfalt gefällt mir.

Was ist denn nun der Ausstieg?

Was ich aber von Zeit zu Zeit will, ist, denen, die dann ihre Klischees äußern („Sozialromantik!“, „Aussteiger!“, „Hab ich in den 70ern, 80ern schon gemacht, hat nix gebracht“(Was habt lhr denn gemacht? Nur gekifft? ;-)) mal zuzurufen:
„Hey, ist nicht vielleicht das der Ausstieg, was du da vollziehst? Mit deiner 3-Zimmer-Wohnung, deinem Auto, in dem du meist allein sitzt in der wenigen Zeit, die es überhaupt bewegt wird, deinen einsamen Abenden vor dem 100-cm-Flachbildfernseher, auf dem du Günther Jauch oder Newtopia schaust? Okay, das ist das von dir gewählte Leben und es mag die maximale Freiheit der Individualität sein… aber… Ist nicht genau das der Ausstieg? Der Ausstieg aus der Verantwortung (abgesehen vom Steuern zahlen)? Der Ausstieg aus dem Gemeinsamen? Wirfst du dich damit nicht selbst aus deinem Leben? Aus einem verbundenen Leben? Eigentlich schade, oder?“

Klar gibt es auch Beispiele für Lebensgemeinschaften, die resigniertes, naives oder fragwürdiges Aussteigertum zeigen. Es wäre merkwürdig, wenn es nicht auch in diesem gesellschaftlichen Bereich blinde Flecke und krasse Verirrungen gäbe und gegeben hätte.
Und selbstverständlich ist Single-Leben nicht grundsätzlich verantwortungsscheu, natürlich nicht.

Ich wollte es jedoch mit dem heutigen Artikel wagen, mal einen anderen, aus meiner Sicht berechtigten Blickwinkel auf das Thema „Aussteigen“ anzubieten.

Soweit für heute.
Euch und Ihnen ein schönes Wochenende!
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