Salutogenese… gesunderhaltende Entwicklung oder auch: Chutchonn! …wie der Westfale sagt

20150502_142405 Screenshot Zentrum für Salutogenese

Vor zwei Wochen war ich beim 9.Symposium zur Salutogenese mit dem Titel ‚Gemeinschaftsleben und Salutogenese‘, um dort einen Vortrag zu halten, zu dem mich das Zentrum für Salutogenese aus Bad Gandersheim eingeladen hatte.

Die Sonne schien prächtig vom Himmel, der Frühling und das Dorf Heckenbeck zeigte sich von seiner besten Seite, das Publikum beim Symposium war aufmerksam und austauschfreudig, ich hatte angenehme, interessante und amüsante Gespräche mit lebhaften Menschen und überdies sprach mich nach meinem Vortrag jemand an, dessen Name und Gesicht mir bekannt vorkamen… und nachdem bei mir der Groschen gefallen war, konnten wir amüsiert feststellen, dass er ein ehemaliger Dozent ist, bei dem ich vor 30 Jahren in der Oberstufe ein ganz hervorragendes Seminar hatte. Zudem ist er ein in Fragen der Gesundheitskultur ausgesprochen engagierter Mensch, der schon damals maßgeblich an wegweisenden Projekten in Bielefeld in diesem Bereich tätig war. Ich hatte also einen ganz wunderbaren Samstag mit gelungenen Momenten und schönen Überraschungen. :-)

Und das alles passte bestens zum Thema Gemeinschaftsleben und Salutogenese. Salutogenese bedeutet, dass Gesundheit nicht ein fester Zustand ist, sondern ein Prozess und dass es vielfältige Faktoren gibt, die diesen Prozess tagtäglich begünstigen. Dieses Konzept wurde zuerst von Aaron Antonovsky, einem amerikanischen Soziologen, entwickelt. Mehr dazu hier.

Der Schwerpunkt des Symposiums lag auf der Verbindung von Gemeinschaftsleben und Gesunderhaltung, mein Vortrag hieß „Gibt es salutogene Gemeinschaften? – Gedanken aus der Sicht von Coaching, Mediation und Organisationsentwicklung“. Mit meinem Kollegen Jürgen Heimes zusammen arbeite ich als Coach, Trainer und Berater für Gemeinschaftsprojekte und sehe mit Freude, dass gemeinschaftliches Wirken mehr und mehr Zulauf hat:

Wohnprojekte, gegründet von Menschen, die das Prinzip ‚my home is my castle‘ von vielen Singles und Kleinfamilien als nicht mehr so recht hilfreich und wohltuend in Zeiten erleben, in denen Vernetzung nicht nur erwünscht ist sondern auch im Alltagsleben mehr und mehr gebraucht wird, um unter den vielfältigen Herausforderungen besser gesund bleiben zu können

Energieprojekte, bei denen Menschen eine umweltfreundliche Energieversorgung wollen, die nur in zweiter Linie Kapitalinteressen folgt und vor allem Versorgungssicherheit im gemeinschaftlichen Sinn bieten soll

– Kulturprojekte, die auch abseits des allgegenwärtigen Mainstream existieren und das zeigen, was alles möglich ist, wenn Kultur sich nicht nur Verwertungszwängen unterordnen muss

Regiogeldprojekte, Mobilitätsprojekte, Careprojekte, Allmendeprojekte (gemeinsames Land zwecks gemeinsamer Versorgung (u.a. SoLaWi)), Eventprojekte… die Zahl der Projekte, die Menschen miteinander für sich und für andere Menschen drumherum, auf die Beine stellen, wächst und breitet sich in immer mehr gesellschaftlichen Segmenten aus.

Gemeinsam ist diesen Initiativen das Bedürfnis von Menschen, kooperativ zu handeln. Ein durchaus traditioneller Wert, kennen wir doch alle den Satz „Eine Hand wäscht die andere“. Aber kooperatives Verhalten, das Gesunderhaltung fördert, ist mehr. Es ist die Entscheidung, dass es mir langfristig besser gehen wird, wenn es auch den Menschen um mich herum besser geht, wenn es auch den Tieren und der Umwelt um mich herum besser geht. Und es kann noch mehr sein: die Entscheidung, dass es mir nachhaltig besser gehen wird, wenn es auch Menschen, Tieren, Umwelt besser geht, die gar nicht mal direkt um mich herum sind, sondern sehr weit weg sein können (z.B. südliche Hemisphäre, Südhalbkugel).

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Übrigens ist das Muster der Kooperation auch intrapersonal, in uns selbst, wirksam. Ein Grund, warum ich im Coaching mit Klient*inn*en gern mit dem Inneren Team von Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun arbeite. Hierbei wird geschaut, welche verschiedenen Anteile ich gerade zu einer bestimmten Situation, aber auch grundsätzlich in mir trage. Kommunizieren diese miteinander? Achte ich auf alle oder unterdrücke ich immer manche Teile?

Ein Beispiel:

Ein Teil von mir möchte unbedingt ständig kreative Projekte am Laufen haben. Neue Ideen produzieren, in die Welt setzen und ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren… Yippieh! Das Alltagsgeschäft interessiert diesen Teil wenig, sondern ist ihm eher lästig: er fühlt sich im kreativen Schaffensdrang behindert…

Hm, das macht weder den Teil in mir, der Sicherheit braucht und sucht und sie herzustellen versucht, froh, noch den, der weiß, dass die Energie, die Kraft, die Ressourcen, um sowohl das Kreative als auch das Alltagsgeschäft zu bewältigen, nicht unendlich sind…

So, wie werde ich sowohl am zufriedensten als auch am effizientesten sein?

Wohl nicht, wenn ich immer nur einen Teil auf dem Schirm habe, diesen ausagiere und noch nicht einmal Notiz von den anderen Teilen nehme. Wenn ich den Kreativdirektor auslebe, den Sicherheitsbedürftigen und den Energieschützer aber übersehe (oder mir womöglich der Existenz eines (weiteren) Teils gar nicht bewusst bin…) oder unterdrücke.

 

Das Konzept der Konkurrenz ist wertvoll, um etwas zu wollen und zu erreichen, um zu gestalten, Prozesse zu befeuern, Ergebnisse zu erzielen und faszinierende Schritte zu machen. Und zweifellos ist das Konzept des Wettkampfs auch spannend und macht von Zeit zu Zeit richtig Laune, weil es einen Adrenalin-Kick verleiht. Aber als langfristiges, ständig steuerndes und innewohnendes Muster?? Och nö…

Daher geht es nicht darum, mit dem einen Konzept das andere auszubooten. Leider tut dies der Kapitalismus unserer Zeit genau so: das Konzept der Kooperation ist nur insoweit erwünscht, wie es verwertbar ist, um im Rahmen des Konzeptes der Konkurrenz Ergebnisse zu liefern. Das kommt mir nicht gesunderhaltend vor, im Gegenteil, es klingt eher pathogen (Gegenteil von salutogen: krank machend statt gesund erhaltend), weil es auslaugt (Menschen, Umwelt und Systeme).

Dient hingegen das Konzept der Konkurrenz als sinnvolle Ergänzung zum Konzept der Kooperation, können  Menschen in sich selbst, mit sich selbst, mit anderen Menschen, mit ihrer Umwelt, fruchtbarer zusammenarbeiten, nachhaltiger Zufriedenheit und Wohlstand herstellen.

Zugegeben, meine Zusammenfassung ist in der Darstellung verkürzt. Die Basics davon jedoch wird jede*r von Ihnen bereits mal erlebt haben, oder? Wie fühle ich mich auch im Hinblick auf die Zukunft, wenn ich einen Erfolg mittels Konkurrenz errungen habe? Kann es sein, dass sich Gedanken wie „Beim nächsten Mal muss es auch so laufen!“, „Das war knapp, ich muss mich verbessern, wenn es nochmal klappen soll!“ oder „Wie kann ich den/die beim nächsten Mal auf Abstand halten?“ einstellen? Und wird Ihr*e unterlegene Kontrahent*in nicht ganz ähnlich grübeln?

Wie fühlt sich hingegen ein Erfolg an, der auf kooperativem Vorgehen beruht? Ich möchte wetten, dass die Sorgen über die Tauglichkeit dieses Prozesses für die Zukunft geringer sind. Spüren Sie selbst nach. Und fragen Sie sich, wie es mit dem Erleben von Kooperation und Konkurrenz für Sie ausschaut.

In Heckenbeck, so mein Eindruck, war die Atmosphäre u.a. so hervorragend, weil es nicht darum ging, sich auf Kosten anderer oder anderer Modelle zu profilieren. Im Gegenteil war es ein sehr freier Fluss von Kreativität und Klarheit, eben gerade weil hier der Geist des Zusammentuns fruchtbaren Boden hatte.

Ein prima Wochenende war’s!

Und ein ebensolches sowie demnächst schöne Pfingsten wünsche ich Euch und Ihnen! :-)

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Ein Gedanke zu “Salutogenese… gesunderhaltende Entwicklung oder auch: Chutchonn! …wie der Westfale sagt

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