Eine Sau durch’s Dorf treiben

Die letzten Tage haben mir reichlich Gelegenheit gegeben, mich massiv aufzuregen. Grund dafür ist, dass Menschen mit Depressionen zur Zeit wie die Sau durch’s Dorf getrieben werden. Ursache dafür wiederum ist das furchtbare Unglück, das beim Germanwings-Absturz nach bisherigem Stand der Erkenntnisse durch den Copiloten eingeleitet wurde und dass eine elende Katastrophe ist, deren entsetzliche Tragweite für alle in irgendeiner Weise Beteiligten nirgends in Zweifel gezogen werden muss.

Medien, Politik sowie Hinz und Kunz übertreffen sich darin,
zu mutmaßen,  wie depressive Menschen ticken

Allerdings übertreffen sich nun Medien, Mandatsträger und Hinz und Kunz – obgleich meist kenntnisfrei und erfahrungsarm, was Depressionen betrifft –  darin, zu mutmaßen, was depressive Menschen anrichten könnten, wie sie ticken und wie man sie beschränken könnte.
Zwei Gipfel dieses aktuellen Vorgangs, die Sau durch’s Dorf zu treiben, seien hier genannt:

1. Ein Artikel in der WELT von Frau Ronja von Rönne, in der sich die Journalistin darüber auslässt, dass eine Diagnose Depression o.ä. ein Freibrief sei, um sich asozial zu verhalten, um sich um nichts mehr kümmern zu müssen, um die Möglichkeiten eines Sozialstaats auszunutzen etc.

2. die Idee des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU) (ähnlich äußerte sich der SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach), Menschen mit Depressionen in bestimmten Berufen unter bestimmten Bedingungen die Ausübung Ihres Berufes zu verbieten.

Auf beides hat der Blogger und Autor Tobi Katze deutliche Antworten geschrieben, die ich sehr begrüße:
„Offener Brief an Ronja von Rönne“
und
„Ein Berufsverbot für Joachim Herrmann? Oder für mich?“

Mich haben die beiden Vorstöße in der WELT und aus dem bayerischen Innenministerium so sehr geärgert, dass ich Kommentare gepostet habe, die ich selbst als shitstormlike und unfair empfinde. Nun muss ich keinesfalls immer fair bleiben, aber ich fürchte, ich trage damit nix zu einer fruchtbaren Diskussion bei, sorge vielmehr dafür, dass das geschieht, was ich gerade nicht will: Dass Menschen, die zu diesen Punkten eine Gegenposition zu meiner haben, meinen Worten gar nicht zuhören mögen. Die Empörung von vielen Menschen, die diese beiden Diskussionsbeiträge von Herrn Herrmann und Frau von Rönne kommentiert haben, verstehe ich jedoch voll und ganz und finde das auch angemessen.

Shitstorm? Nutzt nix… Aber:
Angemessene Empörung? Jau!

Das zeigt auch, wie fuchsteufelswild mich das macht!
Erst recht, wenn sich bei mir der Eindruck einstellt, dass da Menschen die Sau durch’s Dorf treiben, die bei diesem Thema unbedarft sind, die wenig bis keine Fach- und möglicherweise gar keine Erfahrungskompetenz haben, was Depressionen betrifft, aber Stigmatisierung naiv oder gezielt Vorschub leisten.

Und hier mischt sich bei mir die berufliche Betroffenheit (ich arbeite u.a. mit Menschen, die Depressionen haben, darunter leiden und die den Wunsch haben, die Depression loszuwerden oder einen wie auch immer gearteten neuen Umgang damit zu finden) mit der persönlichen Betroffenheit (ich litt früher monatelang, auch einmal jahrelang unter mittleren bis schweren Depressionen und habe das in mühevollen Prozessen mittlerweile seit einigen Jahren überwunden (ob für mein ganzes Leben, würde ich noch nicht einmal sagen können)) und auch einer gesellschaftlichen Verantwortung.

Stigmatisierung, Diskriminierung von
Menschen mit Depressionen

Die Einschränkungen von Herrn Herrmann und Herrn Lauterbach in ihren eigenen Aussagen (dass das Berufsverbot dann gelten solle, wenn es sich um Berufe mit Verantwortung für viele andere Menschen handele und wenn die Schwere der Erkrankung genügend diagnostiziert sei) und die verständnisbereiten Zwischentöne von Frau von Rönne (dass Überbelastung aller Orten spürbar sei und Menschen in die Ecke dränge) in allen Ehren, das Ergebnis der trotzdem zum Teil polemisch präsentierten Stellungnahmen ist dies:
eine Stigmatisierung und eine Diskreditierung einer großen Gruppe von Menschen, die ohnehin schon diskriminiert ist und schief angeschaut wird und einer noch viel größeren Gruppe von Menschen, die sich gar nicht erst trauen, mit ihrer Diagnose nach außen zu gehen oder die sich gar über ihre Schwierigkeiten vor lauter Bedenken, abgelehnt zu werden, noch nicht einmal mit engen Freunden oder Familienangehörigen austauschen.
Heidewitzka, Herr Kapitän! Wenn zukünftig noch mehr Menschen (noch mehr als ohnehin schon) scheuen, sich über ihre Verfassung ehrlich zu äußern, weil sie aufgrund der aktuellen perfiden Diskussion weitere Ablehnung, Diskriminierung oder strafende Konsequenzen (noch mehr als ohnehin schon) befürchten müssen… dann haben die Lautsprecher dieser diskriminierenden Debatte mächtig Schaden angerichtet: psychologisch, volkswirtschaftlich und vermutlich auch betriebswirtschaftlich.
Helfen tut auch hier nicht Ausgrenzung sondern Inklusion, Austausch und nicht Abwehr.

Öffentlichkeitswirksame Trittbrettfahrerei oder mehr?

Und ich stelle auch in den Raum, ob nicht die Motivation derjenigen, die hier eine Sau durch’s Dorf treiben, über öffentlichkeitswirksame Trittbrettfahrerei hinaus geht und durchaus gezielt die Diskreditierung eines Krankheitsbildes und die Verschleierung eines offensichtlich vorhandenen schweren Missstands der Gesellschaft, wie sie zur Zeit funktioniert (bzw. offensichtlich oft genug bereits nicht mehr funktioniert) zu befördern versucht.
Die in diesen beiden Beiträgen gipfelnde aktuelle Diskussion über die scheinbare Verantwortungslosigkeit und Faulheit von Menschen mit Depressionen ist Wasser auf die Mühlen derer, die Arbeitsleistung weiter verdichten, die Löhne weiter klein halten, die Gesundheitsausgaben „verschlanken“ und die Sozialausgaben kürzen wollen.

Es muss nicht darüber geredet werden, dass es immer Fälle geben kann und wird, wo Menschen mit Depressionen unverantwortlich (in extremen Einzelfällen vielleicht auch gemeingefährlich) handeln oder die Diagnose dazu verwendet wird, um allem aus dem Weg zu gehen, was Stress bedeutet. Selbstverständlich kann es das und wird es das. Genau so wie es bei Menschen ohne Depressionen genau diese Einzelfälle auch geben kann und geben wird (auch die extremen Einzelfälle).

Einzelfälle gibt es in allen gesellschaftlichen Segmenten –
Generalverdacht ist ein Übel

Ich wünsche mir (Visionen darf mensch haben und braucht dafür – entgegen des Zitats vom durchaus geschätzten Altbundeskanzler Helmut Schmidt – nicht zum Arzt zu gehen…), dass in den Reihen der Entscheider und Multiplikatoren, erst recht der Meinungsbildner auf höchster oder mittlerer Ebene in Wirtschaft, Politik und Massenmedien (also dort, wo es eine hohe Verantwortung für Wohl und Wehe sehr sehr vieler Menschen gibt) Menschen mit einem besonders hohen (den gesellschaftlichen Durchschnitt übersteigenden) Potential an Empathie, Solidarbewusstsein und Verantwortungsbewusstsein sitzen würden oder dass wenigstens Menschen mit einem Hang zum Narzissmus oder gar zur narzisstischen oder antisozialen Persönlichkeitsstörung dort nicht zu finden sind (leider nehme ich, dass dort derartige Akteure zu finden sind, als Einzelfälle bestimmt – wie in jedem anderen gesellschaftlichen Segment auch möglich)… Aber ich stelle keine Gruppe von Menschen unter den Generalverdacht bestimmter Symptome einer Krankheit, unter den Generalverdacht, zu simulieren und schon gar nicht unter den Generalverdacht einer über die Krankheit im Einzelfall weit hinausgehenden gemeingefährlichen Motivation.

Ein Generalverdacht über Menschen mit wie auch immer gearteten Krankeiten und nicht dem der aktuellen Norm entsprechenden Funktionieren ist eine der übelsten und dunkelsten Denk- und Handlungsweisen der Vergangenheit (ganz besonders der deutschen Vergangenheit). Ich will das hier keinesfalls gleichsetzen, aber darauf hinweisen, dass dies ein Gebiet mit sehr viel Glatteis ist, auf dem mensch fragwürdig ins Rutschen kommen kann.
Herr Herrmann, Frau von Rönne und wer in den vergangenen Wochen die Sau durch’s Dorf getrieben hat:
seien Sie sich wenigstens dessen bewusst, wenn sie sich dessen bedienen oder Gefahr laufen, sich dessen zu bedienen.
Und Verallgemeinerung ist eine letztlich nur wenig harmlosere Variante.

Wir brauchen eine Allgemeinbildung
in Psychologie und Kommunikation

Ich wiederhole an dieser Stelle etwas, das ich in den vergangenen Monaten mehrmals gebloggt und gepostet habe:
Wir brauchen eine Allgemeinbildung in den Bereichen Psychologie und Kommunikation, um dafür zu sorgen, dass ein gegenseitiges Verständnis (und dies ist nur eines von vielen Beispielen) der Menschen mit Depressionen, denen, die mittelbar davon betroffen sind und denen, die sich davon nicht betroffen sehen wachsen kann. Es geht um gegenseitiges Verständnis, klar, das ist ja keine Einbahnstraße.
Und wir brauchen diese Allgemeinbildung, um weniger leicht Gefahr zu laufen, eine Sau durch’s Dorf zu treiben, um bewusster zu werden, was menschenfreundliches und was menschenfreundliches Agieren und Denken ist.
Letztlich gehe ich davon aus, dass eine Allgemeinbildung in dieser Hinsicht helfen wird, die Lebensumstände dergestalt zu verändern, dass Menschen sich in und mit ihrer eigenen Existenz und ihren Möglichkeiten wohler fühlen, woraus eine wenigstens ein Stück weit gesündere Gesellschaft folgt.
Zukunftsmusik,  ich weiß… aber da geh ich für! :-)

Schönes Wochenende!
Ihr und Euer Jens Gantzel

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2 Gedanken zu “Eine Sau durch’s Dorf treiben

  1. Pingback: Wünschen. Wollen. Tun.

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