Tu so, als ob…

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„If you can’t feel it, fake it“, „Tu so, als ob…“ ist eine verblüffende Weise, mit Depression, mit Unlust, mit Genervtheit umzugehen. Der Hintergrund ist, dass nicht allein unser Verstand (gern ein kleiner Diktator, wenn es darum geht, bestimmte Stimmungen partout behalten (oder andere partout unterdrücken) zu wollen) bestimmt, wie wir uns fühlen. Und… ups… schon zu verkürzt beschrieben: was nämlich das oben stehende Zitat bewirken soll, ist dann doch wieder eine Leistung, an der auch der Verstand beteiligt ist: dass ich mich über das hinwegsetze, was ich glaube, gerade nicht anders fühlen zu können.
Okay, okay, das ist etwas vertrackt. ;-)

„Das macht mir bestimmt keinen Spaß…“
„Hey, tu so als ob!“

Ein Beispiel:
jemand, der/die in einer depressiven Stimmung steckt, sagt vor sich hin: „Ich hab keine Lust dazu…“, „Das macht mir bestimmt keinen Spaß…“, „Das funktioniert bei Anderen, bei mir nicht…“, „Ich fühle mich so leer, so abgetrennt vom Leben…“  usw. usf.
Was passiert wohl, wenn ich mir das immer wieder sage und es auch anderen immer wieder über mich erzähle?
Ich schätze, dass sich diese Stimmung und Haltung verstärken wird. Charlie Brown zeigt es uns oben! ;-)
Das kann mensch so machen, aber der Spaßfaktor bleibt ebenso außen vor wie die Chance, etwas auf eine andere Weise wahrzunehmen.

Es geht auch anders:
Haltung ändern

Die Gegenprobe kennen manche von Euch und Ihnen vielleicht in dieser Form:
Setz dich auf einen Stuhl und lass dich zusammensinken, der Kopf ist nach vorn auf die Brust gesunken, der Blick ist zu Boden gerichtet,  der Rücken krumm, die Arme hängen herab oder liegen teilnahmslos auf den Oberschenkeln… und vermutlich sind auch Kopf und Ohren weitgehend zu, nicht zur Aufnahme bereit… Und? Fühlt sich Frust an, oder? Deprimiert und vor allem: deprimierend. Die Gedanken erzeugen die Körperhaltung und sie folgen ihr aber auch.
Jetzt richte dich auf,  lehn dich etwas zurück, nimm die Arme hoch und verschränke die Hände hinter dem Kopf. Wie ist jetzt die Haltung und wie ist der Blick? Ich würd sagen, der ist offen, aufnahmebereit, neugierig, abenteuerlustig. Die Haltung ist munter, dabei gelassen und wirkt souverän. Und die Gedanken? Düster? Frustig? Wohl kaum! Tatsächlich fällt es viel schwerer, in dieser Haltung depressiv zu sein als in der zusammengesunkenen Position.
(Prima Übungen dieser Art finden sich bei Julie Henderson, die in den 80er Jahren Zap-Chen Somatics bekannt machte und kontinuierlich weiter entwickelt sowie bei Dr. Claudia Croos-Müller und ihren cleveren Schafen :-)

Ähnlich funktioniert es mit „Tu so, als ob…“.
Ich gebe mir das Signal, trotz meiner Übellaunigkeit loszugehen, trotz meiner Skepsis und Unlust ein Treffen genießen zu können, trotz meiner Frustration eine bestimmte Aufgabe zu machen. Und das tue ich nicht mit der frustigen Haltung, in der ich beständig vor mir selbst die Probleme, Enttäuschungen und den Ärger aufzähle und mich hinein steigere, sondern indem ich so tue, als ob es Spaß macht.
Und erstaunlicherweise geht das dann auch.

…ich hab mich gefühlt wie ein Betrüger!

Mir ist es in letzter Zeit manchmal so gegangen, dass ich diese Technik bewusst eingesetzt habe.
Und…
…ich hab mich gefühlt wie ein Betrüger!
„Au wei, was vormachen! Ich mir selbst und den anderen Menschen auch! Pfui!
Dabei ist doch Authentizität mein höchstes Gut!“
So in etwa hörte sich das innerlich an.

Authentizität als Wert ist toll,
aber als Dogma taugt sie nichts

Moment mal… (oder „Momändemoh“, wie die Nordhessen sagen ;-)
Na klar ist Wahrhaftigkeit ein toller und wichtiger Wert, ohne jeden Zweifel!
Für mich selbst und im Umgang mit meiner Umwelt ist Wahrhaftigkeit etwas Gesundes, etwas, was Beziehungen jeder Art hilft, etwas, was meinem Leben nutzt.
Allerdings sind Grundsätze auch nur so gut, wie sie nicht um jeden Preis als Dogma, als Gesetz verstanden werden.
Es kann gut sein, dass in manchen Situationen ein „Tu so, als ob…“ hilfreicher, fortschrittlicher und gesünder ist als ein sklavisches Festhalten am grimmigen „Das ist jetzt aber so! Grmpf!“.

WahlFreiheit

Zudem kann in diesen Momenten etwas geschehen, das würdevoll und weise ist:
Mensch kann feststellen, dass es mehr als diese festgefahrenen Gedanken gibt, dass ich mehr als diese Gedanken bin, dass ich mich nicht mit ihnen identifizieren muss, dass ich die Wahl habe, wie ich empfinde und empfinden will. Es entsteht außerdem Offenheit, Bereitschaft zu einer offenen Entwicklung.
Das ist schlicht und einfach befreiend.
Und das gibt mir Kraft, Kraft, mit den Umständen zu arbeiten, unter denen ich mich zu Recht frustriert fühle.

In diesem Sinne,
Schönes Wochenende!

Ihr und Euer Jens Gantzel

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