Das ist so, weil… Was nutzt und schadet es uns, Erlebnisse zu rationalisieren?

image

Heute morgen las ich einen sehr interessanten Blogpost zum Thema Rationalität, genauer, zum Thema Scheinrationalität. Der Autor Thomas Michl setzt sich damit auseinander, dass der Homo oeconomicus, der ökonomisch orientierte Mensch sich ‚wirtschaftliche Wahrheiten‘ kreiert, indem er auf Kennzahlen, Parameter, fiktive Werte und ähnliche Instrumente setzt, um Vorgänge einzuordnen, die viel zu komplex für dieses begrenzte Instrumentarium sind. Dadurch neige er dazu, die (für sein und unser aller Überleben und gutes Leben, Anm. des Autors) wichtige Frage Tun wir das Richtige? gar nicht mehr zu stellen.

In den letzten Tagen erlebte ich, dass jemand, der eine Enttäuschung, eine Absage nur schwer bzw. gar nicht verknusen konnte, intensiv versuchte, das Geschehene zu rationalisieren. Ob ich hiermit diese Situation nun genau treffend wahrgenommen habe, sei dahin gestellt. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass es ein gutes Beispiel für den Einsatz von Rationalisierung als Technik sein kann, die viele Menschen vermutlich von Zeit zu Zeit betreiben oder mal betrieben haben. Schauen wir mal drauf:

Was ist Rationalisierung?
Björn Migge schreibt:
„(…) der illusionäre Glauben, das eigene Verhalten (etwas, Anm. von mir) sei Verstandes erklärbar. Unbewusste Regungen, Werte, Glaubenssätze werden verleugnet (nicht beachtet, Anm. von mir). Stattdessen werden situative, scheinbar ‚auf der Hand liegende‘ Erklärungen (…) gesucht.“ (Björn Migge, Handbuch Coaching und Beratung, 2. Auflage, S. 110, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2007)

Wozu dient Rationalisierung?
Sie dient dazu, uns Erklärungen an die Hand zu geben, wenn wir eine bestimmte Situation entweder kaum annehmen, kaum akzeptieren können, das aber nicht vor uns selbst oder anderen Menschen zugeben können oder wenn wir durch einen bestimmten Eindruck erschüttert sind. Rationalisierung erlaubt es uns, ein Stück weit abgelöst von unseren Gefühlen Zusammenhänge zu konstruieren, sie erlaubt uns im Grunde, etwas, was wir zu diesem Zeitpunkt gar nicht verstehen wollen oder können, zu verstehen. Dadurch kann (nicht muss) ein Ereignis seine Kraft verlieren, unsere Integrität, unser Selbstbild stark zu beschädigen.
Manche Menschen neigen zu Rationalisierung mehr als andere. Ich kann da selbst aus Erfahrung sprechen, dass ich bestimmte Ereignisse und Eindrücke, die ich in dem Moment nicht begreifen kann und will, rationalisiere oder wenigstens zu rationalisieren versuche. Und manchmal hilft es, meistens sogar.

Rationalisierung als Verhaltensmuster:
Gefühle nicht erleben wollen

Nicht mehr so begeistert bin ich davon, wenn Rationalisierung dazu herangezogen wird, grundsätzlich alles verstehen zu wollen, verstehen zu müssen, verstehbar zu machen, nur um die Gefühle dahinter nicht spüren zu müssen. Wenig schön, wenn die Rationalisierung eine derartige Eigendynamik entwickelt, dass sie schon vorsorglich dazu dient, die gefühlsmäßige Erfahrung einer schwierigen Situation auszublenden. Sollte Letzteres häufig der Fall sein, bringe ich mich um die Erfahrung, um die Möglichkeit, meine Gefühle zu einem bestimmten Erlebnis wirklich wahrzunehmen. Das wäre schade und ein Verlust am Lebendigkeit.
Der oben erwähnte Homo oeconomicus handelt im Grunde auf diese Weise: Zweifel… Ratlosigkeit… die Untiefen schwieriger Fragen… es hat keinen Platz in der Verhaltensweise, eine immer komplexere Welt, die eben nicht überall restlos erklärbar ist, mittels Analysen, Zahlen, Parameter einordnen zu wollen. Hier wird Rationalisierung stetig eingesetzt, um Rationalität vorzugeben, künstlich zu erzeugen.

Rationalisierung als Verarbeitungsmöglichkeit

Wenn allerdings Rationalisierung nur hin und wieder eingesetzt wird, um besondere Situationen im Augenblick besser verarbeiten zu können, wenn diese Rationalisierung beizeiten auch wieder losgelassen werden kann und wenn es dann möglich ist, eine Erfahrung nun noch einmal neu zu bewerten, zu schauen, welche Gefühle ich dazu habe und hatte, empfinde ich das als eine sinnvolle Verhaltensweise, einen hilfreichen Verarbeitungsmechanismus (Coping)

In diesem Sinne , Euch und Ihnen einen schönen Tag! :-)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Das ist so, weil… Was nutzt und schadet es uns, Erlebnisse zu rationalisieren?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s