Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder

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Durch zwei Lesebeiträge wurde ich heute mal wieder auf das Thema Selbstbilder und Erwartungshaltungen gebracht.  Ein Blogpost („Das Grauen hat einen Namen!“) der sich angesichts der neuen Staffel von Germany’s Next Top Model (GNTM)  mit den Idealen beschäftigt, denen Mädchen dadurch nacheifern (müssen) und einem Interview im fluter mit einem 15-jährigen (Seite 21 bis 23), der die Schule geschwänzt hat, mit Medikamenten auf Kurs gebracht werden sollte und sich schwer damit tut, die Erwartungshaltungen der Eltern und Großeltern (Professor, Doktorinnen, Architekt…) zu erfüllen bzw. unbewusst schon längst deren Erwartungshaltungen verinnerlicht hat.

Zudem höre ich von Zeit zu Zeit durchaus erschütternde Sachen (Selbstverletzendes Verhalten (SVV), Selbstsabotage, Flucht in Drogen, Gewalt, Kriminalität) über Kinder, die schwerst darunter leiden, den Ansprüchen der Gesellschaft, der Eltern etc. nicht zu genügen, die Kluft zwischen Selbstbild und Selbst- sowie Fremdwahrnehmung nicht überbrücken zu können und erlebe beruflich auch immer mal wieder Erwachsene, bei denen das Leiden, den Ansprüchen früher nicht genügt zu haben, zwar oft verschleiert ist, sich nichtsdestotrotz aber immer noch in heutzutage meist hinderlichen Verhaltensmustern auswirkt, die die Lebensqualität einschränken.

Nicht nur „die Revolution frisst ihre Kinder“ (in Form von Selbstmordattentaten, Kindersoldaten oder Kampfdrohnenangriffen in Krisengebieten), sondern auch das ‚immer-so-weiter‘ bzw. immer-mehr-immer-mehr‘ in den politisch und wirtschaftlich stabiler wirkenden Teilen der Welt.

In den USA wird z.B. konsequent ein ‚Kinderblutzoll‘ in Form von Schulmassakern gezahlt. Offenbar ist das für die Gesellschaft ein akzeptabler Kollateralschaden. Das kaum eingeschränkte Recht, Schusswaffen zu tragen (und hat dieses Recht etwas mit Selbstbildern zu tun? Ich denke schon: Es geht um das Recht des ‚freien Mannes‘ – was in diesem Fall auch großzügig Frauen mit einschließt -, das Recht, sich nach eigenem Gutdünken zu verteidigen, das Recht, sich nicht ausschließlich einer staatlichen Exekutive hingeben zu müssen, das Recht, auch mal selbst Chuck Norris sein zu dürfen), ist offensichtlich so heilig, dass halt Kinder auch schon mal im selbst veranstalteten Kugelhagel sterben müssen.
Beispiele dafür, dass Kinder verquere Vorstellungen von Erwachsenen ausbaden müssen, finden sich allerdings beileibe nicht nur in den USA sondern überall.
Übrigens: die Leiden der Kinder an verqueren Vorstellungen von Erwachsenen sind die weitaus schwerer zu lokalisierenden Leiden der Erwachsenen von morgen. Nur mal so.

Schalten wir zurück nach Deutschland:
Schon früher waren Kinder durch verschiedenste Formen von Pädagogik Zielgruppe für Beeinflussung und Indoktrination. Mittlerweile ist sich die Marketing- (und die Medien-)wirtschaft längst darüber klar, dass Kinder die ideale Zielgruppe für Werbung sind: leicht beeinflussbar und zudem die Geldverdiener und  Konsumenten der Zukunft, die um so wirksamer durch Werbung erreicht werden können und die umso intensiver konsumieren wollen, wenn in ihnen die Werbemechanismen bereits früh eingepflanzt werden.
Und all das würde ohne inflationäre Selbstbilder längst nicht so gut funktionieren.

Eine Gesellschaft wie unsere, die der Illusion vom unbegrenztem Wachstum und stetig wachsendem Konsum folgt, produziert inflationäre Selbstbilder. Im Grunde kann diese Gesellschaft, zumindest die so ausgerichtete Wirtschaft, nicht anders handeln. Auf GNTM bezogen heißt das: Sie muss das Gefühl, unbedingt so wie ein Top Model sein zu wollen ebenso wie das Gefühl der Enttäuschung und des Mangels hervorrufen, um den Konsumwunsch dahinter anfüttern zu können.
Das ist eine bittere Erkenntnis, wie sehr uns inflationäre Selbstbilder aufgezwungen werden und wir uns andererseits diesen bereitwillig fügen.
Jede Person hat übersteigerte Selbstbilder, es müssen gar nicht die von GNTM sein.

Also, was ist zu tun?

Alle Selbstbilder sofort loslassen?
Umgehend im Ozean der Selbstliebe baden und happy mit sich sein, so wie mensch ist?

Ach, woher denn!
Wie soll das denn sofort funktionieren?
Und warum überhaupt dieses neue Selbstbild?

Der Grundgedanke, sich mit Selbstliebe umfassend zu akzeptieren ist natürlich toll, klar. Und wenn es klappt: suuuuper! Und es sich zu sagen, dass es so ist, ist auch schon hilfreich.
Aber es scheint nicht so einfach zu sein, das sofort und ganz und gar umzusetzen oder?

Realistischer finde ich es, wenn wir versuchen, bewusst festzustellen, wenn und wann ein Selbstbild anspringt.
Den Augenblick bemerken, wenn die Vorstellung „so müsste ich sein / so will ich unbedingt sein“ sich breit macht. Es wird erstmal eh anspringen und auf Touren kommen. Aber wenn ich es hin und wieder bewusst registriere, kann ich mich evtl. demnächst mal fragen, was denn da gerade war, bevor dieser Gedanke ans Selbstbild aktiv geworden ist.
Waren da Schamgefühle? Schuldgefühle? Angstgefühle?
Befürchte ich, irgendwo nicht dazu zu gehören? Befürchte ich, nicht geliebt zu werden?
Nehme ich an, nichts wert zu sein?
Nehme ich an, dumm, hässlich, fies zu sein?
Nehme ich an, nie gut genug zu sein?
Übrigens fußen auch die letztgenannten Gedanken auf Selbstbildern, nicht unbedingt auf der Abbildung der Realität.

Viele Selbstbilder stammen nicht von uns selbst. Es sind oft genug Wunschbilder Dritter von uns, Bilder, wie uns die Gesellschaft, die Eltern etc. gern (gehabt) hätten, die wir uns als Selbstbilder zu eigen gemacht haben.
Es sind Konstrukte.
Und Konstrukte kann Mensch auch wieder abbauen, relativieren, korrigieren.
Ich empfehle Abbauen, nicht Einreißen.

Euch und Ihnen ein sonniges Wochenende! :-)
Jens Gantzel

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2 Gedanken zu “Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder

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