Die Knechtschaft der Verallgemeinerung

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Menschen zu ermorden, ist ein zutiefst feindseliger Akt, egal aus welchem Anlass.

Menschen zu ermorden, weil sie anders denken, weil sie sich lustig machen über mich oder etwas, was mir wichtig ist, ist ebenfalls ein solch feindseliger Akt, durch nichts zu rechtfertigen.

So geschehen gestern in Paris.

Eine feindselige und grausame Tat, die Leid, Wut, Fassungslosigkeit hinterlässt. Mein Mitgefühl ist bei den Hinterbliebenen, denen Menschen gewalttätig aus dem Leben entrissen wurden.

Das ist das Eine.

Das Andere ist dies:

Nun werden sich Leute (z.B. PEGIDA, z.B. AfD) bestätigt fühlen, die ‚vor den Islamisten‘ warnen, gar ‚vor den Moslems‘ und dazu auf Verallgemeinerung als Methode der Einschätzung zurück greifen.

Verallgemeinerungen an sich tauchen in verschiedenen Verkleidungen auf:

Dramatische, die Menschen über einen Kamm scheren

– „ALLE Islamisten sind…“

– „ALLE Frauen…“

– „MÄNNER sind immer…“

– „Asylanten sind IMMER…“

– „Ich kann KEINE Bayern ausstehen, weil…“

 

Scheinbar harmlosere, die aber ebenfalls das Potential zu Glaubenssätzen haben, mit denen ich mir mein Bild der Welt baue:

– „Wenn ich Geburtstag habe, ist das Wetter IMMER schlecht“

– „NIE wird meine Arbeit genug gewürdigt“

– „Es ist GRUNDSÄTZLICH so, dass ich…“

Letztlich sind sie alle dramatisierend und Drama ist nie ein hilfreiches Konzept. Sie helfen weder bei der Analyse von Phänomenen, noch bei der Behebung von Problemen, noch bei der persönlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Auch sorgen sie noch nicht einmal für ein eigenes Gefühl von Sicherheit.

Verallgemeinerungen sind in keiner Hinsicht nützlich und in dieser aktuellen Situation wie das Zündeln mit dem Feuer, bereit, einen Flächenbrand in Kauf zu nehmen.

Verallgemeinerungen zeigen allerdings die Unfähigkeit oder Unwilligkeit

– Phänomene differenziert zu betrachten

– Vereinfachung als Werkzeug der Erklärung loszulassen

– sich mehr Mühe bei der Einschätzung und beim Verstehen von Ereignissen, Phänomenen und Hintergründen zu machen

Die Unfähigkeit ist etwas, wogegen sich etwas machen lässt: Reflektion und Differenzierung üben, üben, üben.

Die Unwilligkeit ist schwerer zu bearbeiten… jedenfalls braucht es Mut dazu, zu einer Alternative zur Verallgemeinerung bereit zu sein, zu einem weniger unfreien Blick zu kommen.

Ich erlebe es im Coaching mit Klientinnen und Klienten so, dass es eine Befreiung ist, wenn jemand Alternativen zulässt, bereit ist, von der Verallgemeinerung, von der Generalisierung abzulassen. Plötzlich hat ein Mensch viel mehr Wahlmöglichkeiten, die Welt zu sehen. Es tut sich ein weites Feld auf für das eigene Denken und Handeln. Diese Person braucht sich selbst nicht mehr nur dieselben Geschichten über sich selbst und die Welt zu erzählen. Und sie braucht sich auch nicht darin gefangen zu fühlen.

Verallgemeinerungen hingegen beschränken, sie zwingen mich in ein enges Korsett, sie machen unfrei. Und sie sind geeignet, um Angst zu machen.

Paradox, oder? Scheinen doch Verallgemeinerungen so bequem, so klar…

Das sind sie nicht, im Gegenteil: sie sind in der Konsequenz mühselig, Energie raubend und unklar.

Will ich das?

Die anstrengende und beschränkende Knechtschaft eines Prinzips erfüllen?

Will ich so leben?

Wo ich doch die Freiheit der Wahl, die Vielfalt differenzierter Betrachtung und Einschätzung haben kann?

Entscheiden Sie/entscheidet selbst.

Für mich kann eine hilfreiche Antwort nur Deeskalation und Differenzierung und Bewusstheit sein.

Nachdenklich,

Ihr und Euer Jens Gantzel

p.s.: Wie viele Verallgemeinerungen finden sich in meinem heutigen Artikel?

Ich habe 19 gezählt. Was zeigt, wie trickreich die Falle der Verallgemeinerung funktioniert.

Selbstverständlich will ich keine Sprache und kein blütenweißes Denken, was frei von Verallgemeinerungen ist. Es erscheint mir absurd, das anzustreben.

Aber die Bewusstheit dafür zu schärfen, wann ich auf Verallgemeinerungen zurück greife, das will ich. Um rechtzeitig zu erkennen, wenn mir Verallgemeinerungen die Wahrnehmung von Menschen verstellt.

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Ein Gedanke zu “Die Knechtschaft der Verallgemeinerung

  1. Pingback: Eine Sau durch’s Dorf treiben | Wünschen. Wollen. Tun.

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