Citizenfour – Auf der Suche nach Vorbildern

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Vor kurzem war ich im Kino und sah den Dokumentarfilm ‚Citizenfour‘. Während der Interviews von Edward Snowden mit Glenn Greenwald und dem Guardian-Reporter Ewan MacAskill war ständig die Filmemacherin Laura Poitras zugegen, die den ganzen Prozess mitgeschnitten hat.
Ich war überwältigt, einerseits von dem hochspannenden Zeitzeugnis und andererseits von dem Protagonisten Edward Snowden! Der Bursche ist erst 31 Jahre alt und hat es fertig gebracht, die größte Wirtschafts- und Militärmacht der Welt in erhebliche Erklärungsnöte zu bringen, was ihre bürgerferne Heimlichtuerei und Schnüffelei betrifft.

Authentizität als Charakterzug von Vorbildern, die ich schätze

Vor allem hat mich beeindruckt, mit welcher Ruhe und kühlen Überlegung, seine eigene Person offenbar weit hinten anstellend, Edward Snowden durch diese ganze Geschichte geht. Auf mich hat ebenso sein Verhalten wie das von Glenn Greenwald in diesem Film vollkommen authentisch in jeder Situation gewirkt.
Ein Vorbild hinsichtlich aufrechter Haltung und Engagement für Bürgerrechte sowie sozialer Verantwortung. Schon erstaunlich, dass

ich (49) jemand, der erst 31 Jahre alt ist, als Vorbild annehmen mag.

Edward Snowden, Mahatma Gandhi, Meister Yoda, Thich Nhat Hanh, Sam Gamdschie…
Aber die eigenen Eltern?

Meistens sind diejenigen Persönlichkeiten, die ich in meinem Leben bisher als Vorbilder akzeptieren konnte, deutlich älter als ich, Thich Nhat Hanh, Jack Kornfield, manche gehören der Vergangenheit an und leben nicht mehr (Mahatma Gandhi, Martin Luther King) und manche sind sogar fiktive Charaktere (Meister Yoda, Samweis Gamdschie)…

Da stellt sich natürlich die Frage: warum gibt es keine Vorbilder in der Familie bei mir? War mein Vater kein Vorbild?
Idealerweise sollte ja ein Elternteil oder sollten die Eltern Vorbilder sein, wenn wir aufwachsen. Es scheint aber so zu sein, das für viele Menschen mittleren oder jüngeren Alters dies nicht mehr gilt, Eltern nicht mehr Vorbilder sind. Schade.

Men need examples

Der Rapper und Dichter Saul Stacey Williams beschreibt es in seinem grandiosen Stück „Our Father“ sehr eindrucksvoll mit folgenden Worten:
„(…) One of the statements that I have written on my notes here today, is that men need examples. And that’s not holy men, all of us, are helped by examples. But it does seem that as men we feel better, when other men show us that they are man enough to do whatever it is that we have hesitancy in doing. Whether it is cook, sew, maybe sit… or to shout, clap our hands, cry. (…)
We ask, sociologically, why are there so many messed up families, what’s the problem? Well, in most of those cases, those children have no or little example to follow. There are exceptions, but in most of those cases, they had little or no example to follow. (…)“ (Zitat aus „Our Father“ vom Album „Amethyst Rock Star“ von Saul Williams)

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Das trifft es sehr gut, finde ich. Keine Beispiele zu haben, bedeutet, keinen guten Orientierungsrahmen zu haben, moralisch, ethisch, kulturell etc… Keine Beispiele zu haben, bedeutet, sich weniger zuzutrauen und später viele Ressourcen selbst mühsam entwickeln zu müssen.

Banalisierung von Werten
Eingeschränkte Rollenbilder und Selbstbilder

Dahinter steckt auch ein Wertekonflikt beziehungsweise eine eigenartige Banalisierung von Werten. Wenn Kinder damit aufwachsen, dass die einzigen Werte die Wirkung auf andere Menschen mittels Geld, Attraktivität und Sexyness und darauf beruhender Machtausübung sein sollen, dann ist es kein Wunder, dass sie sich schwer damit tun, mehr als nur diese eingeschränkten Rollenbilder und Selbstbilder zu erlernen und später weiter zu geben.
Der auf diese Weise weitergegebene Orientierungsrahmen ist keiner, der auch nur ansatzweise zum Zusammenleben von Menschen, gar von Völkern, Gesellschaften und Kulturen befähigt.

So existieren möglicherweise zu wenig Vorbilder für ein Handeln, das auf Werten wie Solidarität, Hilfe, Mitgefühl, Gemeinschaft, Kooperation und einer gesunden weil wertschätzenden Form der Konkurrenz beruht.
Offenbar haben die Generationen, die entweder durch Krieg zertrümmert, durch maßlose und oft auch wahllose  Anhäufung von Gegenständen und Vermögen gestresst und durch maßlose Reizüberflutung verwirrt sind, es nicht mehr geschafft, ausreichend tragfähige Vorbilder zu kreieren und weiterzugeben.

Neue Vorbilder

Jedoch gibt es möglicherweise inzwischen eine neue Generation von Eltern (seien es nun soziale oder biologische) oder auch Nicht-Eltern, die durch eine hohe Reflektionsbereitschaft und Reflektionsfähigkeit sich selbst darin schult, wieder Vorbilder zu werden, Vorbilder, die sich durch Authentizität in der Persönlichkeit zeigen und auszeichnen. Beispiele finden sich mehr und mehr, behaupte ich.
Mal abgesehen von der Suche nach elterlichen Vorbildern finden sich gerade zur Zeit der Globalisierung und des World Wide Web mehr und mehr „ganz normale“ Menschen als Vorbilder. Menschen, denen z.B. gemeinschaftliches Wohl, Vermeidung von Gewalt und Zerstörung stärker am Herzen liegen als der Vorteil einzelner Personen.
In diesem Zusammenhang kann ich z.B. Edward Snowden bestens als Vorbild annehmen.

Daher endet mein heutiger Blog mit einem Filmtip: Citizenfour

Eine schöne Woche wünscht Ihr und Euer :-)
Jens Gantzel

Nachtrag: Soeben las ich, dass ‚Citizenfour‘ vom US-amerikanischen Verband der Filmindustrie MPAA das Rating ‚R‘ erhalten hat, was meistens für Filme mit intensiver Darstellung von Gewalt, Sex oder Drogenkonsum sowie Verwendung von Schimpfwörtern verwendet wird und eine Altersbeschränkung (unter 17 nur in Begleitung der Eltern oder Erziehungsberechtigten) vorsieht…
Teenager gelten in den USA als wesentlicher Teil des Kinopublikums und das Rating ‚R‘ ist als Kassengift bekannt, weswegen Kinos mitunter Abstand von derartig bewerteten Filmen nehmen…

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2 Gedanken zu “Citizenfour – Auf der Suche nach Vorbildern

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