Rote Socken, schwarzbraune Socken… Neutralität? Ach, iwo!

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Da ist es wieder: das Volksstück um die roten Socken! Und anlässlich der alljährlichen Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung und der Regierungsbildung in Thüringen gab es gleich zwei Anlässe, an denen das Thema angespielt werden und jede*r den eigenen Senf dazu geben konnte.
Da will ich nicht nachstehen und hab auch was dazu zu melden ;)

Wolf Biermann wandte sich mit harten, auch unflätigen Worten an die Parlamentarier der Partei Die Linke, als er im Bundestag zur Feierstunde der Deutschen Wiedervereinigung auftreten durfte. ‚Der elende Rest von etwas, das zum Glück vorbei sei‘, seien sie, sagte er unter anderem. Das ließ sich gut an als Fortsetzung einer Rote-Socken-Debatte, die Bundespräsident Gauck just zum Zeitpunkt der Regierungsbildung in Thüringen angeheizt hatte…

Biermann hat unter dem SED-Regime gelitten, und das nicht zu knapp.
Auftrittsverbote, Publikationsverbote, schließlich Verweigerung der Wiedereinreise und Ausbürgerung – er hat für seine deutliche Kritik am Einheitsparteienstaat und für seine Widerständigkeit jede Menge Ärger gekriegt und Prügel bezogen. Darüber hinaus wurde er in der BRD zur gefeierten Protestikone sich als undogmatisch verstehender Linker. Nicht wirklich ein Wunder, dass er sich auch 25 Jahre nach dem Ende der DDR (und ca. 38 Jahre nach seiner Ausbürgerung) unversöhnlich zeigt.

Der verletzte ‚Drachentöter‘

Mir erscheinen weder der Ton seiner Anklage (die doch arg beleidigend ist für viele Bürger (gerade in den ’neuen‘ Bundesländern) und Politiker (Wessis, die der Partei angehören und mit der SED keine Verbindung haben und hatten (z.B. Bodo Ramelow), Ossis, die mit der SED nix am Hut hatten, sich aber bei der Partei für sozial und/oder pazifistisch orientierte Politik engagieren) noch die Schlussfolgerung, die Linke nur als Nachkommen der SED zu sehen, angemessen und reflektiert.
Aber: auch, wenn das auf mich so wirkt, höre ich, dass sich da jemand tief verletzt von der Diskreditierung zeigt, die ihm durch die Obrigkeit eines Staates zugefügt wurde, der Bürgerrechte jahrzehntelang gebrochen und ignoriert hat.

Dass Biermanns Auftritt von denen beklatscht wird, die in Ihren Reihen erstens ehemalige Mitglieder der Blockparteien beherbergen oder beherbergt haben und zweitens bis in die 80er Jahre hinein  Würdenträger und Aktive, mindestens aber Mitläufer des Dritten Reiches (des Regimes, das millionenfachen Mord begangen hat) beherbergt hat (prominentester Fall: Hans Filbinger, der trotz eindeutiger Vergangenheit sogar CDU-Ministerpräsident in Baden-Württemberg sein durfte)… nun, das mag von außen genug Grund zu skeptischem Blick sein. Ein Schelm, wenn mensch an Scheinheiligkeit und Bigotterie denken muss…
Ob Wolf Biermann daran gedacht hat? Jemand, der eigene Erfahrungen und Bewertung von etwas Vergangenem einerseits und aktuelle Situation 25 bzw. 38 Jahre später andererseits offenbar nur sehr schwer zu trennen vermag? Es aber vor allem auch gar nicht trennen muss! Biermann hat keinen Auftrag, neutral sein zu müssen, den berechtigten eigenen heißen Schmerz und selbige Wut sehr bewusst von einer aktuellen kühleren Analyse zu trennen und so unbefangen wie möglich zu sprechen und zu handeln. Hat er nicht, diese Aufgabe, hat er gar nicht. Er ist Protestsänger, Dichter, nicht Bundespräsident, hat als Selbstbild von sich den „Drachentöter“, sicher keine vermittelnde, versöhnende, versöhnliche oder neutrale Gestalt.

Hass hält gefangen

Der offenbar vorhandene Hass mag frappieren… mir ist dazu dieser Kurzdialog (nicht wörtlich, jedoch sinngemäß wiedergegeben) eingefallen, den ich vor vielen Jahren beim von mir so geschätzten Jack Kornfield gelesen habe:
„Verspürst du immer noch Hass gegen deine Peiniger von damals?“
„Ja! Und das wird sich auch niemals ändern!!“
„Hm… dann halten sie dich wohl immer noch gefangen.“

Übrigens… es gibt ja auch Beispiele für Menschen, die von der DDR für kritische Worte verfolgt und bestraft wurden, aber andere Schlüsse als Biermann daraus gezogen haben. Beispiel Stefan Heym, der zwar ebenfalls widerständig gegen die DDR-Führung agierte, aber später für die PDS im deutschen Bundestag saß und hier als Alterspräsident – auch daran sei erinnert – von diversen Parlamentariern der CDU, insbesondere vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl in recht derber Weise öffentlich geschmäht wurde.

Neutralität ist Kernkompetenz eines Bundespräsidenten, offenbar aber nicht die Kernkompetenz von Joachim Gauck

Solch einen Auftrag zur Neutralität, wie mensch ihn Biermann meines Erachtens nicht unterstellen kann, solch einen Auftrag zur Neutralität  zum reflektierten Abwägen freilich hat Bundespräsident Joachim Gauck. Von ihm erwarte ich, dass er eigene Befangenheit und Erfahrungen zwar spüren und äußern kann, aber genau den Schritt aus sich heraus macht, der ihm erlaubt, möglichst neutral zu sprechen, nichts zu vermischen und nicht aus eigener Befangenheit heraus Politik machen zu wollen.
Ich habe den Eindruck, dass Gauck diese Fähigkeit zur größtmöglichen Neutralität nicht in dem Maße besitzt, wie es für jemand in diesem Amt notwendig wäre. Und ferner wählte er ja einen ganz bestimmten Zeitpunkt (Komplizierte Regierungsbildung in Thüringen) für seine Aussage, was mich vermuten lässt,  dass er Politik machen will bzw. politische Entscheidungen beeinflussen will. Auf mich wirkt das so, als sei der Bundespräsident entweder nicht in der Lage oder auch nicht unbedingt willens, möglichst neutral zu agieren.
Und das hat nichts damit zu tun, dass ein Bundespräsident nicht kritisch sprechen dürfte – nur zu! Sprecht kritisch, sprecht mutig, die Herren Bundespräsidenten (irgendwann auch mal eine Bundespräsidentin… peinlich genug, dass das nach 65 Jahren immer noch nicht gelungen ist…)! Da fällt mir Horst Köhler ein, der auch nicht immer bequem war, auch Christian Wulff hat mit seiner Islam-Agenda oder auch EZB-Kritik Mut bewiesen und nicht nur pflegeleicht gehandelt, Richard von Weizsäcker, Gustav Heinemann, viele haben sich mal so, mal so präsidial kritisch aus dem Fenster gelehnt und dabei es doch geschafft, irgendwie Neutralität walten zu lassen – eine der Kernkompetenzen eines Bundespräsidenten.  Gauck schafft das nicht oder er will es nicht, scheint mir.

So, wo will ich hin mit all den vielen Gedanken und Behauptungen aus dem politischen Alltag der vergangenen 3 Wochen…
…zu dem Punkt, dass es hilfreich (und in manchen Positionen und Situationen unverzichtbar) ist, sich erstens nicht immer von der eigenen Vergangenheit den Blick auf das Heute diktieren zu lassen. Hilfreich für die Kommunikation mit anderen Menschen und auch für das Verständnis für mich selbst ist zweitens, meine Verhaltensmuster, meine Motivationen zu erkennen, wahrzunehmen, was ‚meines‘ ist, was eben nicht aktuell von außen auf mich eindringt sondern was ich aus meiner Vergangenheit als Verletzung, als Kränkung, als Unrecht bei mir trage. Und weiterführend damit heutzutage andere Menschen in anderen Lebensumständen angreife, angreifen muss.

Trennen können: was von meinem Denken und Empfinden kommt aus meiner Vergangenheit und was ist die heutige Welt

Wenn ich das nicht erkenne, wenn ich das nicht bewusst bemerke, wie dieser Film abläuft, reagiere ich auf Ereignisse, die längst vorbei sind, wiederhole (und kreiere damit!) möglicherweise nur Situationen, in denen ich erneut Ähnliches erlebe, in denen ich nur die Bestätigung des „ich-hab’s-doch-gewusst!“ bekomme und die Muster weiter vertiefe.
Die Situationen und die Welt um mich herum werden zu einer Eigenschöpfung, die mir gibt, was ich sehen will, aber keinen Raum dafür lässt, dass es mittlerweile anders und möglicherweise vielschichtiger sein könnte.

Gute Nachrichten: das kann mensch üben :-)

Aber selbstverständlich habe ich auch gute Nachrichten :-)
du, Sie, ich, wir alle können das trainieren. Mittels Innehalten in einer kniffligen Situation oder einer dicken Grübelei kann ich mir bewusst werden…
…ob das wirklich ‚meins‘ ist (oder nicht etwa die Sicht, der Wunsch von jemand anders)
…ob das wirklich mit dem Jetzt und Hier zu tun hat oder vor allem mit meiner Vergangenheit
…was ich jetzt wirklich fühle
…was mein Bedürfnis ist, was ich wirklich brauche
…und woran es bei mir gerade hängt,  warum ich das jetzt dennoch einfach so sehen will. (Butter bei die Fische, liebe Leser*innen: Ein „nicht anders sehen können“ ist doch auch nicht zu selten ein „nicht anders sehen wollen“, oder etwa nicht?) Dabei ist eine ehrliche Freundlichkeit sich selbst gegenüber der beste Ratgeber. Falls mir dann auffällt: „Hey, auch wenn die heutige Situation anders ist und nur ein kleines Stück weit (oder gar nicht) vergleichbar mit dem, was mich von früher quält… ich bin damals so verletzt worden, ich mag mich davon noch nicht lösen, ich kann das noch nicht!“ hab ich eine Erklärung,  weiß zwar noch nicht, wie ich das ändern kann, aber bemerke schon mal, was da abläuft und kann es für heute gut sein lassen (ich gewinne zwar noch keine Freiheit aber verstehe und respektiere mich selbst besser). Vielleicht kann ich irgendwann demnächst den nächsten Schritt tun und anders als gewohnt handeln (ich kann dann bewusster trennen zwischen dem, was damals war und was heute ist, reagiere nicht mehr auf das Damals sondern auf das Heute, Hier und Jetzt  und gewinne so Freiheit).

Und mir wird mit der Zeit dann auch klar werden, wie ich meine Vergangenheit zur Manipulation, zur Dramatisierung der Gegenwart benutze bzw. benutzen will. Das ist eine oft recht unangenehme Erkenntnis, die wirklich weh tut… (muss ich aus eigener Erfahrung leider so sagen…) aber diese Bewusstheit eröffnet mir den Raum, anders (gesünder, wohltuender und ‚energiesparender‘) für mich selbst und gegenüber meinen Mitmenschen zu handeln.

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