Mit 50, da hat man noch Träume…

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In der taz habe ich kürzlich einen Artikel gelesen, in dem es um die 64er ging, die ja dieses Jahr 50 werden oder geworden sind. Da ich Jahrgang 1965 bin, geht mich das auch an.

Der Frust der Wirtschaftswunderkinder

Der Autor beschreibt, dass die 50-jährigen, eine Art goldene Generation, der geburtenstärkste Jahrgang der Geschichte in Deutschland, jede Menge Grund hätten, gar nicht zufrieden zu sein mit dem, was war und was ist:
– keine besonderen biographischen Ereignisse („keine Kriege, keine Nöte… nicht einmal Schuldgefühle“), von denen mann/frau den Enkeln erzählen können…
– dafür aber Wohlstandsüberfüllung einer Gesellschaft der Doppelfettstufe…
– keine Vorbilder
– kein rebellischer Geist
– 1,3 Millionen gleichaltrige Konkurrenten damals im Rennen um die besten Plätze
– und eine heutige Bundesrepublik, die durch Merkels Einlulltaktik kaum noch zu spüren sei…
Mann/Frau gehöre zu den größten Verlierern überhaupt.
Der Artikel schließt mit dem Gedanken, dass mann/frau nun mit 50 Jahren doch immer noch aufstehen könne, rebellieren könne, dies möglicherweise aus obigen Gründen erst recht tun solle.

Die Konsequenz, die der Autor aus seinen Beobachtungen und Überlegungen zieht, finde ich gut!
Warum sollte mann/frau durch eine Überflussgesellschaft, durch ein Leben im materiellen Überfluss in der Sicherheit eines Nachkriegseuropa nicht das Recht haben, Dinge in Frage zu stellen, neue Wege zu gehen, neues Leben auszuprobieren?
Und in der Tat: eben dieses ebenso berechtigte wie dumm-kurzsichtige „Euch geht’s doch gut!“ hat vermutlich jede/jeder um die 50 mehr als einmal gehört.
Gerade unsere Generation der (fast) 50-Jährigen, gerade eine Generation, die vielen (aber eben bei weitem nicht allen!) ein ganz normales Leben geboten hat, hat gute, hervorragende Möglichkeiten, Engagement zu zeigen, sich für Veränderung einzusetzen und mit den Veränderungen bei sich selbst zu beginnen.

Quengeln und Nörgeln, Zynismus und Subkultur/Popkultur

Gar nicht gefallen, und auch nicht überzeugt, hat mich allerdings die Attitüde, mit der der Autor an die Sache heran geht.
Da ist viel Nörgeln, Quengeln und Selbstmitleid, aus dem heraus klingt, wir hätten es doch nur etwas bunter haben sollen, etwas wilder, etwas schlechter, etwas besser, auf jeden Fall aber anders und nicht so, wie wir es hatten… und dann könnten wir uns viel besser damit abfinden, wie es war, wie es ist und wie es werden wird.
Das erinnert mich an einen Absatz aus dem Buch „Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden“, das Mitte der Achtziger ähnliche Fragen für die damals 30-jährigen aufwarf, die „am dreißigsten Geburtstag Tränen in ihre Quiche Lorraine weinen“, wie es augenzwinkernd von den Autoren beschrieben wird.
Offenbar kann das, was der Autor des taz-Artikels für die 64er in Anspruch nimmt, auch der Protagonist dieses Romanes für die 55er in Anspruch nehmen. Na, so was! ;)

Ich erlebe eine derartige Attitüde der Nörgelei als eine stockende, stehende Form von Energie, die sich weiterhin lieber im Quengeln aufhalten will, letzten Endes ihre Unzufriedenheit in Popkultur (wahlweise Subkultur) und Zynismus ummünzt und lieber dort (in der Komfortzone!) bleiben will, als tatsächlich Veränderungen anzupacken, gar bei sich selbst anzufangen.
Neues wird gewünscht, herbei gesehnt, aber für eine echte anfassbare Veränderungsbereitschaft, gestützt durch positiv gestimmte Kraft und die Bereitschaft zur Würdigung dessen, was war, reicht das Engagement nicht aus.

Trauern, Freuen und Loslassen contra Frustrationsattitüde

Eine Würdigung des Bisherigen, notwendig, um neue Wege gehen zu können, beinhaltet meines Erachtens ein tatsächliches Bedauern und Trauern, um das, was war und um das, was hätte sein können, aber nicht geworden ist. Ein Trauern, ein Loslassen der Frustration darüber. Ebenso beinhaltet es natürlich die Freude über Manches, was war.
Das ist etwas ganz anderes als eine Haltung der Frustration, des nörgeligen launigen Zynismus, der Abwehr und Ablehnung, die Basis dieser Haltung sind.
Und ist letzteres nicht zu einem guten Teil nur Attitüde, eine wohlfeil gepflegte Haltung, mit der man sich auf eine bestimmte Weise darstellen will?

Das Interesse, und der Wunsch, Dinge zu verändern, mögen die halbe Miete sein, ohne die keine Veränderung stattfindet. Die andere Hälfte hat viel mit Wohlwollen, mit Wertschätzung, mit Respekt vor dem, was und wie mann/frau selbst war und mit Akzeptanz der Vergangenheit zu tun.

Veränderung mit 50? Nur zu!

Für viele Menschen, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe, stellt sich die Frage zu ihrem fünfzigsten Geburtstag nicht. Sie sind schon dabei, sich zu verändern, die Gesellschaft zu verändern, schäbige Zustände nicht klaglos zu akzeptieren.
Ansonsten: Lasst uns 64er und 65er, die Veränderung wollen, 50 werden, die Attitüde des Kultigen, des Zynischen und Quengeligen drangeben und anstelle dessen einen Blick kultivieren, der durch Milde, Kraft und Zupacken geformt wird.
Denn es sei, noch einmal zurück zum Autor, „höchste Zeit, mit 50 endlich mal aufzustehen,  die Fäuste zu heben und furchtbar mit den schwarzen Flügeln zu wedeln.“ Und wenn ich das so lese, muss ich schmunzeln, weil es mir so vorkommt, als sei die Attitüde nun doch gar nicht ernst gemeint. ;)

Chutchonn! …wie der Westfale sacht. :-)

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