Wachstum, Nullwachstum, Degrowth – Wie wäre es mit Reifung?

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Zur Zeit tagt in Leipzig die Degrowth-Konferenz. Eine Bewegung, bei der sich Nichtregierungsorganisationen, WissenschaftlerInnen, AktivistInnen und engagierte BesucherInnen in mehreren Hundert Veranstaltungen über den möglichen sozialen und ökologischen Wandel austauschen. Ausgangspunkt ist die Kritik am herrschenden ökonomischen Konzept, dass nur Wachstum und Konsum zu Wohlstand und Zufriedenheit führen.

Die Grenzen des materiellen Mehr treten längst hervor

Jede/jeder von uns kennt das, dass Zweifel an der Sinnhaftigkeit des ImmerMehr berechtigt sind, oder?
Stößt nicht das materielle Mehr an Grenzen des Interesses („Hab schon Alles“…“Phh, schon wieder Neues…“)?
An Grenzen des Planeten? (Siehe auch…)
Und an Grenzen des individuell Machbaren?
Sich für Wohnung, Auto, Mediengerätepark, Design- und Lifestyleobjekte abarbeiten bis auf die Knochen oder wasauchimmer tun, um das Mehr zu gewährleisten?
Und auch an Grenzen, wo es noch Zufriedenheit schafft? Wie stark ist das Gefühl von anhaltender Befriedigung und Lebensqualität dadurch denn?

Im Himalaya in Bhutan wurde vor Jahren erkannt, dass das Wirtschaftswachstum nicht alles ist. Dort fand mann/frau eigene Antworten…

Alternativen zum materiellen und finanziellen Wachstum

Es gibt andere Formen von Wachstum, die ich mir reizvoll vorstelle:

Zum Beispiel, wenn der Bereich wächst, wo Menschen sich was Gutes tun, körperlich, seelisch, sozial. Was Gutes tun, was weniger von weiteren materiellen Dingen abhängt, was Gutes tun, ohne permanent auf den nächsten Kick zu zielen, sich was Gutes tun mit einfachen Dingen für Körper und Seele, die so viel Wohlgefühl bringen können.

Noch etwas anderes finde ich für Wachstum geradezu wie geschaffen: die Reifung von sozialen Strukturen, von sozialen Bindungen, von individuellen Fähigkeiten, sich selbst zu reflektieren, mehr Selbststeuerung als Fremdsteuerung zu erreichen, mehr Kompetenzen in Kommunikation und Beziehung und in Deeskalation (scheint gerade momentan angesichts diverser brennender Krisenherde sehr wichtig zu sein und ist offensichtlich nicht allen Staatsoberhäuptern gegeben…) zu erlangen, Ressourcen zum fruchtbaren Umgang mit Krisen erkennen… Persönlichkeitsentwicklung halt.

Ja ja… das ist Reklame für meine beruflichen Aktivitäten, ganz handfest. Klar ist es das. Weil ich überzeugt bin, dass es wirkt und weil ich es für gesellschaftlich dringend notwendig halte.

Fehlgeleitete Ideen von Entwicklung: der Supermensch

Um ein paar Urteilen und Missverständnissen vorzubeugen:
Schnell kann Persönlichkeitsentwicklung so verstanden werden, als ginge es darum, ‚besser‘ zu werden, ‚weniger Fehler‘ zu haben, scheinbare Unzulänglichkeiten zu überwinden. Mitunter wird damit geworben, dass die Befreiung von individuellen Potentialen zu einem neuen besseren Menschen führen soll und so was… sozusagen auf dem Weg zum entwickelten Supermensch.
Dieser Einschätzung trete ich entschieden entgegen!
Das ist menschenmissachtendes Zeug, wie es sich (nicht nur…) bei Herrenmenschen und Sekten findet.

Aus meiner Sicht und Erfahrung geht es nicht darum, sich selbst zu optimieren, den scheinbar fehlerhaften Teil von sich hinter sich zu lassen, vom ’schlechten‘ Jetzt-Ich wegzukommen.
Sondern viel mehr darum, sich so anzunehmen, wie mann/frau ist (und geworden ist) und dann halt zu schauen, wo ich was bewegen kann, was mir hilft, gesündere Beziehungen zu haben, Tätigkeiten als freudvoller zu erleben, Aktivität und Nichtaktivität mehr zu schätzen, klarer sein zu können, mehr im Einklang mit mir und meiner Umwelt sein zu können etc. etc.

Persönlichkeitsentwicklung ist auch eine politische Aktivität

Ich halte das übrigens auch für einen sehr wertvollen und wichtigen gesellschaftlichen, ja, auch politischen Beitrag: mit sich selbst und im Umgang mit Anderen bewusster werden, heißt ja, zu verstehen, welchen Selbstbildern ich nachjage, wenn ich gewohnheitsmäßig so und so handele. Und diese gewohnheitsmäßigen Handlungen sind, sofern sie mit weniger Bewusstheit, mit weniger Reflektion, mit weniger Empathie ausgeführt werden, immer im Risiko, schädlicher für mich oder Andere, für das Gemeinsame, für die Umwelt zu sein als Handlungen, die aus einer erweiterten Bewusstheit und Klarheit heraus geschehen.

Wachstum? Eher: Reifungsprozess

Eine Förderung dieser Reifung begeistert mich. Und dieses ‚Wachstum‘ belastet und bedroht auch nicht unsere Lebensgrundlagen, wie es das andauernde materielle und ökonomische Wachstum tut. Im Gegenteil.
Und darüber hinaus steckt da auch noch ein hoher Wohlfühl- und Zufriedenheitsfaktor drin. :-)
Wie ein Zitat eines Zen-Meisters lautet: „Du bist gut so wie du bist. Natürlich könntest du noch manches verbessern.“ ;-)

Euch und Ihnen ein schönes Wochenende!
Jens Gantzel

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Ein Gedanke zu “Wachstum, Nullwachstum, Degrowth – Wie wäre es mit Reifung?

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