In der Mitte im Alltag

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Seit Mai fahre ich einmal die Woche mit einer Mitbewohnerin der Hausgemeinschaft, in der ich lebe, zur Hippotherapie, zur Therapie mit Pferd. Sie hatte im vorigen November einen Schlaganfall, befindet sich Stück für Stück auf dem Weg voran, auf dem Weg, möglichst viel gewohnte und gewöhnliche Normalität wieder zu erlangen.

Dennoch ist da viel viel mehr.

Mit Pferden hatte ich bisher im Leben nicht wirklich Kontakt und was ich da erlebe, ist faszinierend.
Vor allem aber ist offenbar das, was sie erlebt, außerordentlich faszinierend.
So gab es vor einigen Wochen das folgende Erlebnis:

Auf dem Rückweg zurück zum Stall, zum Hof waren alle drei, falsch, alle vier (sie selbst, die Reittherapeutin, das Pferd und ich) sehr still, ließen nur unseren Blick über die Landschaft schweifen oder waren mit Gehen beschäftigt.
Und auf einmal sagte sie, dass ihr durch die Krankheit, durch den Unfall, durch den Schlaganfall, durch die Behinderung so viele neue Welten eröffnet würden. Nun endlich (sie ist 62 Jahre alt) käme sie dort an, wonach sie immer Sehnsucht gehabt habe: in der Verbundenheit, in der tiefen Verbundenheit zur Welt, zu sich selbst, zu den Menschen um sich herum und sogar zu Tieren, die bisher in ihrem Leben keine besondere Rolle gespielt hätten. Sie sei früher so sehr auf Autonomie bedacht gewesen, dass sich diese tiefe Verbundenheit ihr nicht in dieser Weise erschlossen habe. Und nun erhalte sie paradoxerweise durch den Schlaganfall ein solches Geschenk für ihr Leben.

Was gibt es noch auszudrücken außer einer großen großen Freude, dabei gewesen zu sein bei diesem besonderen Augenblick. Längst nehme  ich die Ausflüge zur Reittherapie auch für mich selbst jedes Mal als einen Mini-Urlaub wahr und genieße es, mitten im Arbeitstag draußen sein zu können, Tiere zu sehen und zu spüren und einfach als stiller Begleiter respektvoll dabei sein zu können.

Dieser Tag ist allerdings etwas sehr Besonderes gewesen. Natürlich sprach sie damit auch Dinge aus, an die ich – und ich bin sicher, Ihnen und Euch geht es manchmal ähnlich – immer wieder mal denke: der Wunsch, dort anzukommen, wo mann/frau sich hin sehnt. Dieses besondere Gefühl zu erleben, was einem kein Geld, kein Erfolg und keine Identifikation geben kann.
Angekommen zu sein, in der eigenen Mitte.

Ich empfinde hohen Respekt vor meiner Mitbewohnerin und frage mich oft, ob ich das so erleben könnte, ob ich mit einer solchen Milde die Situation erleben könnte, ziemlich bewegungseingeschränkt zu sein und dies als Möglichkeit, ja sogar als Voraussetzung für eine Erfahrung zu erleben, die unvergleichlich schön und berührend ist.

Und ich empfinde auch Frieden, wenn ich so ganz direkt erlebe, dass genau diese Verbindung von Phänomenen möglich ist, nicht nur in spirituellen Büchern stattfindet, in Tempeln und Kirchen oder in besonders feinstofflicher Umgebung, sondern im Alltag, jetzt, hier.
Denken tue ich das schon lange, dass tiefe innere Erlebnisse vor allem auf diese Weise stattfinden, wenig heilig, ziemlich alltäglich, wenig rituell – dennoch ist es toll, live und in Farbe dabei zu sein.

Ich wünsche jedem von uns ein besonderes Erlebnis des Einsseins, der Verbindung und des inneren Friedens. Auf welche Weise das auch immer zu uns kommt.
Das oben geschilderte Erlebnis zeigt mir, dass der Weg dahin auf eine Weise geschehen kann, an die wir nicht immer denken und die wir nicht immer so geplant haben.

Planbarkeit ist nicht alles…
Auch in der persönlichen Entwicklung nicht.
Beruhigend ;)

Ihnen und Euch ein prima Wochenende! :)
Versonnen, Jens Gantzel

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