Ratlosigkeit zulassen

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Ein kleiner Artikel in der taz heute bringt es auf den Punkt. Es ist die Zuspitzung dessen, was Ratlosigkeit angesichts einer bestimmten Situation bedeutet:Wie stehe ich zu militärischer Hilfe? Was kann ich antworten? Was muss ich antworten?
Ich gebe zu, dass ich an diesem Punkt ratlos bin in diesen Tagen. Ich habe keine klare Antwort darauf, was jetzt richtig ist. Mein Grundgefühl zu diesen Themen Irak, Israel, Palästina, Ukraine, EU, USA, Russland ist in dieser Zeit oft Ratlosigkeit, vermischt mit Traurigkeit. Und natürlich fühlt sich nicht gut an, diese Ratlosigkeit zuzulassen.

Zudem scheint es gesellschaftlich undenkbar zu sein, Ratlosigkeit zuzugeben.
Ich wache morgens oft mit Deutschlandfunk aus dem Radiowecker auf. Und es ist schon auffällig, dass Politiker immer Rat wissen, und dass sie von Moderatoren/Moderatorinnen dazu gedrängt werden, sich zu positionieren, wenn sie herumeiern. Mag sein, dass das der journalistische Auftrag ist und mag auch sein, dass es der politische Auftrag ist, aber ich würde es dennoch ehrlicher finden und ernsthafter annehmen können, wenn öfters jemand zugeben würde, nicht auf alles eine durchführbare Antwort zu haben und eingestehen würde, dass es mitunter schwer ist, eine Haltung zu entwickeln und dass das nicht immer durch so was wie Parteilinie vorgegeben werden kann.

Selbstverständlich erwarte ich von Politikern, dass sie schließlich und endlich Prozesse durchdenken, Entscheidung treffen und nicht in Ratlosigkeit stecken bleiben, aber:
es ist ja in Krisenzeiten oft von Worthülsen die Rede, von Lippenbekenntnissen, davon, dass viel gesprochen, aber wenig getan werde. Vielleicht ist eine der Ursachen dafür, dass von so ziemlich allen Menschen (Politikern/Politikerinnen, Kommentatoren/Kommentatorinnen, Freund/Freundin, Vorbildern erst recht) grundsätzlich erwartet wird, dass sie eine klare Meinung haben. Nun, Gemach Gemach… sooo klar sind die meisten von uns im persönlichen Leben ja nun auch nicht.

Auch in anderen Bereichen der Öffentlichkeit oder im Privatleben schreit es geradezu nach Erwiderung, wenn jemand über seine/ihre Situation sagt: „Ich weiß mir keinen Rat.“ Jedenfalls wird eine solche Aussage schnell mit Ratschlägen, Hinweisen, Nachfragen et cetera beantwortet.
Gestern Abend erst sah ich bei den Leichtathletik-Europameisterschaften im Fernsehen, wie ein Moderator eine Sportlerin mehrfach fragte, wie sie sich das denn erklären könne, dass es bei ihr nicht gut gelaufen sei im heutigen Wettkampf. Der Athletin war anzumerken, dass sie keine Erklärung hatte und dass sie unglücklich über den Verlauf war.
Offenbar ganz im Glauben, den vermeintlichen Auftrag der Zuschauer nach Gewissheit zu erfüllen, fragte der Reporter allen Ernstes mehrmals nach (!). Und erst nachdem sie mehrmals gesagt hatte, dass sie es jetzt nicht erklären könne, dass sie noch nicht wisse, woran es gelegen habe, ließ der Interviewer es endlich gut sein, nicht ohne ihr noch ein publikumswirksames, gönnerhaftes und nassforsches ‚Na, dann lassen wir Sie damit jetzt auch in Ruhe… und nicht soviel drüber nachdenken heute Nacht!‘ mit auf dem Weg zu geben.
Hallo?
Ich hätte mir mehr Einfühlungsvermögen und Respekt gewünscht, vermeintliches Zuschauerinteresse hin oder her.

Das Thema ist auch eine Sache der europäischen und westlichen Kultur. In Kulturen des Ostens wird das mitunter anders gesehen. So ist der weiß-nicht-Geist“ (ein wunderbarer Blog-Beitrag dazu findet sich hier) im Taoismus eine wertvolle Quelle der Erkenntnis.  Damit ist jedoch nicht dumpfes Herumsitzen gemeint. Vielmehr bezieht er sich auf Bewusstwerdung, auf Erkennen, auch das Erkennen hinter der sichtbaren Oberfläche. Nun ist der „weiß-nicht-Geist“ nicht mit Ratlosigkeit gleichzusetzen, aber beide ähneln sich darin, nicht vorzugeben, alle Antworten parat zu haben und managen zu wollen.

Klar geht es auf Dauer wohl kaum gut, nur einem „weiß-nicht-Geist“ zu huldigen beziehungsweise sich darin zu ergeben, wenn ich vor massiven persönlichen oder gesellschaftlichen Problemen stehe. Nicht umsonst lautet mein Slogan für Persönlichkeitsentwicklung durch Coaching ja „Wünschen. Wollen. Tun.“
Davor steht aber der Respekt und die Anerkennung von mir selbst, wenn ich mal nicht weiter weiß.

Es nutzt meiner Erfahrung nach wenig, den Teil von mir abzulehnen und hinfort zu wünschen, der Ratlosigkeit empfindet und empfinden kann (es lohnt sich, dazu bei Jack Kornfield nachzulesen: Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens, der sich diesem Thema immer wieder mit Weisheit und Herzenswärme widmet). Vielmehr erscheint es mir notwendig, absolut notwendig, zu akzeptieren, dass ich nicht in jeder Situation einen Rat habe, dass ich nicht in jeder Situation weiter weiß. Erst vor dieser (immerhin ein Stück weit) leeren Tafel kann ich anschließend wieder Ideen und Haltungen entwickeln, die nicht bereits vorbelastet sind, die nicht nur aus Aktionismus, Angst oder schlechtem Gewissen entstehen, die nicht deshalb entstehen, weil jemand anders das schon genauso tut oder denkt.

Ich nehme an, dass jemand, der/die sich selbst möglichst weitgehend akzeptieren kann, auch gelegentlich ratlos akzeptieren kann, schließlich bessere Entscheidungen treffen kann, nachhaltiger anpackt, froher leben kann und sich weniger getrieben fühlt.

Übrigens hat Lao-Tse im Tao Te King, der Grundlage des Taoismus, auch einen Aufsatz zum Thema Waffen parat:

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Bis zum nächsten Mal, nachdenklich, Ihr und Euer
Jens Gantzel

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