Fetisch Kleingedrucktes

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Vor ein paar Tagen wollte ich eine Videodatei vom Bürorechner auf mein Handy ziehen, musste dafür doch erst eine Software des Handyherstellers installieren, weil mein Montagsmodell von einem Handy sich nicht als Massenspeicher zur erkennen gab. Und tatsächlich sollte ich für die Software, ein kleines kostenfreies Programm etwa 20 Seiten AGBs bzw. „Allgemeine Nutzungsbedingungen“ lesen und zustimmen.

Nö, Ihr wirklichkeitsfernen Freaks…
Tu ich nicht, hab einfach Besseres zu tun.

Meine Güte, wenn ich alle AGBs, die ich für online-Gedöns akzeptieren müsste, aneinander lege, komm ich doch fast von Kassel nach Dortmund!
Und wenn alle Menschen das ausdrucken würden? Hätten wir dann die Ressourcen der Erde zur Papierherstellung nicht schon 94-fach überschritten?

Und da frag ich mich, was die Macher bzw. die Auftraggeber solcher AGBs umtreibt…

Geht’s um das Absichern gegen jedweden Risikofall?
Oder um das Fallenstellen für Ahnungslose, für Gutgläubige?
Oder um eine extreme Überhöhung eines Produktes?

Ich nehme an, alle drei Motivationen spielen eine Rolle. Und ich hab sicher was vergessen.

Mach ich mir doch einen Spaß draus, mal die Motivation etwas zu psychologisieren:

Zuerst mal ist das Ausmaß (kostenfreie Kleinigkeit verbunden mit 20-seitigen AGBs) des eigenartigen Verhaltens so groß, dass wir es durchaus als leichten Dachschaden ansehen würden, wenn es um das Verhalten von Menschen ginge…

Im ersten Fall ist es eher ein juristisch orientierter Dachschaden: für jeden Fall einen Plan B konstruiert zu haben und die Beziehung zwischen Kunden und Anbieter in jeder Hinsicht abgesteckt zu haben und über über über kontrollieren (Beispiel: Steve Jobs) zu wollen…

In zweiten Fall hätte es mit dem Willen zum Betrug zu tun, einer unterschwelliger Machtausübung, um einen direkten monetären wirtschaftlichen Vorteil zu erzielen oder den Nutzern auf verklausulierte Weise Eigentumsrechte etc. zukünftig abspenstig machen zu können = betriebswirtschaftlicher Dachschaden.

Und drittens geht’s um einen Marketing-Dachschaden, der sich in grenzenlosem Narzissmus äußert: (Subtext): „Unser kleines Programm ist sooo hilfreich, sooo userfreundlich, dass es sogar 20-seitige AGB dafür braucht!“

So, genug meiner Häme. #Ironie off#

‚Make no mistake‘, wie Obama zu sagen pflegt… damit ich nicht falsch verstanden werde:
Selbstverständlich gibt es Geschäftsbedingungen, die im Rahmen bleiben, die einen wichtigen Zweck erfüllen, damit zwei Parteien einen Modus vereinbaren, der ihnen die Sicherheit gibt, miteinander Geschäfte zu machen. Das passt schon.

Worauf will ich hinaus?
Auf Unverhältnismäßigkeiten, auf das verdächtige, überflüssige oder dreiste Gebaren, was sich bei Unternehmen der New Economy zu oft findet.
Darauf, dass so ein Unfug (ein Bekannter nennt es Dummfug… auch schön… ;) Zeit kostet, Freizeit, Lebenszeit
Und dieser Verlust an Lebensqualität wird, ebenso wie das Schadensrisiko, auf die Nutzer abgeladen:
Sollte es Unklarheiten in der Geschäftsbeziehung geben, sind es mit ziemlicher Sicherheit die Nutzer, die den Kürzeren ziehen werden, sofern sie nicht alles gelesen haben oder sogar alles gelesen, aber nicht alles verstanden haben.
Noch ein Punkt: Nutzer, Endkunden sind von vornherein in Nachteil, weil sie sich vom juristischen Knowhow nicht mit denjenigen messen können, die AGB’s entwerfen.

Es ist ein Machtspiel (ein Machtspiel, was nicht nur online, dort jedoch besonders absurd, vorkommt), das allenfalls B2B okay wäre, gegenüber Privatpersonen aber nur ziemlich feige wirkt.

Als ich zwischen 2004 und 2011 zusammen mit einem Kompagnon ein Unternehmen der Kreativwirtschaft geleitet habe, wickelten wir Aufträge 7 Jahre lang ohne AGB’s ab – 200 Aufträge mit vielen verschiedenen Kunden. Zudem regelte ich die Zusammenarbeit mit über 100 Autoren, die literarische Inhalte lieferten und für die Veröffentlichungen Honorare erhielten, mit kurzen Absprachen per Email. Und das fand ich auch angemessen für die einmalige Veröffentlichung einer Manuskriptseite. Dafür brauche ich doch kein 10-seitiges Regelwerk.
Heutzutage nutze ich beruflich einen 2-seitigen Coachingvertrag, in dem Preis, Umfang, Diskretion und Eigenverantwortung festgestellt werden. Das reicht.

Interessant ist auch eine gewisse Bigotterie: Ausgerechnet aus dem Gesellschaftssegment der Marktwirtschaft und besonders der New Economy, in dem es genügend neoliberale (oder radikalere) marktfundamentalistische Player gibt, die „Regulierungswut“ scharf ablehnen, kommen solche Machwerke an regulierender Unverhältnismäßigkeit hervor.

Letzten Endes geht es um Perspektivübernahme und weiterführend auch um ethisches Wirtschaften:
Als Unternehmen will ich die Kunden haben, damit sie mein Produkt kaufen und/oder mir ihre Daten geben oder ich sie durch kostenfreie Leistungen an mein Unternehmen zu binden versuche. Ich will was vom Kunden bzw. vom Kunden in spé. Alles gut soweit.
Ich meine, dass es da schon mein Interesse sein sollte, die Geschäftsbeziehung möglichst einfach zu gestalten und nur das festhalten zu wollen, was unbedingt notwendig erscheint.
Alles darüber hinaus ist meines Erachtens unangemessen, hinsichtlich Kundenorientierung eher schädlich und folgt einer unangenehmen „Warum machst du das?“-„Weil’s geht!“ -Maxime.
Und ist ein Zeichen dafür, dass es bei der Perspektivübernahme noch reichlich Raum nach oben gibt.

In diesem Sinne:
Euch und Ihnen eine schöne und möglichst einfache Woche!

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