Der offene Ausgang

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Vor ein paar Tagen erzählte mir eine Psychologie-Studentin, dass sie Praktikum in einem Forschungsprojekt macht, das die „negativen“ Auswirkungen von Coaching untersuchen soll.
Als Fallbeispiel sei das Coaching eines Mitarbeiters einer Firma genommen worden, der sich nach einem Coaching schließlich entschied, das Unternehmen zu verlassen. Das habe man sich im Unternehmen ja anders gedacht. Und man habe aber die These gewagt, dass das Unternehmen langfristig doch gar nicht so schlecht damit fahren würde, weil ein unzufriedener Mitarbeiter langfristig auf gar keinen Fall wünschenswert sei. Daher könne eventuell gesagt werden, dass das Coaching hier nicht nur negativ gewirkt habe.
Die Wissenschaft hat gesprochen.

Ganz so erstaunlich finde ich den letztgenannten Gedankengang nicht, liegt es doch meiner Meinung nach im Wesen von Veränderungsprozessen, dass der Ausgang nicht immer vorhersagbar, nicht immer bestimmbar, nicht immer beeinflussbar ist.
Aus meiner Sicht ist es ohne Zweifel sinnvoll, ein bestimmtes Ergebnis eines Entwicklungsprozesses zu wollen und die Energie einzusetzen, um dort hinzukommen. Und je klarer die Vorstellung ist, desto besser kann die Energie auf das Erreichen dieses Ziels gerichtet werden.

Aber: erstens kommt es manchmal anders und zweitens als man denkt.

Das ist in Coaching manchmal so und das ist in Therapie manchmal auch so.
Beispiel Paartherapie: Es braucht eine Offenheit gegenüber dem Prozess, gegenüber dem, was geschieht. Wenn jemand dort einzig und allein mit der Vorstellung teilnimmt, auf Biegen oder Brechen weiter zusammen zu bleiben, braucht es die Paartherapie nicht.

Ich erlebe das beizeiten im Coaching auch, dass Menschen sich verändern wollen, allerdings auch nur genau so und nicht anders.
Wie realistisch ist das?

Nun ist da auch nix Falsches dran. Schon dieser Impuls, sich verändern zu wollen ist erst einmal eine Qualität. Und die steht am Anfang. Und dann geht’s halt los. Und ich schätze es, wenn Menschen mit einer klaren Vorstellung von dem kommen, was denn werden soll.

Vermutlich wird auch manches in die Richtung gehen, die Klient/ Klientin oder auch Auftraggeber/Auftraggeberin sich vorgestellt haben, aber alles vorgeben zu wollen wird schlicht nicht funktionieren.
Es bleibt etwas Überraschendes mit im Prozess.
Und das ist es, was auch Ressource für die Entwicklung ist, was auch entwickelt werden will. Da ist Talent, Ressource, Kreativität, Potential: warum sollten wir das ausbremsen?

Und es braucht auch von Seiten des Coaches, der Therapeutin, der Begleitung eines Entwicklungsprozesses eine grundsätzliche Offenheit dem Lauf der Dinge gegenüber. Manchmal läuft eben auch ein Coaching oder eine Therapie anders als geplant. Zwar könnte ich als Coach die Veränderung gezielt zu steuern versuchen, aber damit würde ich die wichtigste Ressource des gesamten Prozesses nicht genug einbeziehen: Klient / Klientin. Und ich würde auch gegen mein Verständnis von Coaching verstoßen.
Es ist nicht mein Prozess, nicht meine Entwicklung, sondern die der Person, die zu mir gekommen ist.
Wichtig:
Das gilt auch für Auftraggeber von Coachings in Unternehmen:
Im Coaching gibt es Ziele und Wünsche, wo es hingehen soll. Es gibt Pläne, wie der Verlauf sein soll, der Ausgang aber ist offen. Ihre Steuerungsmöglichkeiten sind begrenzt.
Wollen Sie selbst besonders viel steuern, wollen Sie einen Entwicklungsprozess, bei dem Sie möglichst viel beeinflussen können, dann wählen Sie den eigenen Entwicklungsprozess, lassen Sie sich selbst coachen, nicht nur ihre/ihren Mitarbeiterin/Mitarbeiter.

Wenn was anderes raus kommt als erwartet, wenn eine andere Entwicklung geschieht als geplant, ist das aus meiner Sicht keine „nicht nur negative“ Folge von Coaching (oder Therapie ;-) sondern es ist halt eine andere Entwicklung, die nicht gesünder sein muss, aber durchaus gesünder sein kann als das Planziel. Für beide Seiten: hier für den Angestellten, der ein neues Tätigkeitsfeld sucht und auch für das Unternehmen, das eine/einen Mitarbeiterin/Mitarbeiter finden kann, die/der motivierter ist, sich mit den Zielen, Inhalten und Werten des Unternehmens zu identifizieren.

Die grundsätzliche Bereitschaft zu einem offenen Ausgang ist ein Entwicklungsschritt für Verhandlungen, für Coachings, für Mediation, für Einzel-/Paar- oder Teamarbeit. Aus meiner Erfahrung fühlt es sich wesentlich freier, kreativer und energievoller an, wenn ich zwar eine klare Ausrichtung auf ein Ziel habe, mich jedoch nicht schon vorher auf ein ‚Muss‘-Ergebnis versteife.

Soweit für heute,
herzlich, Ihr und Euer Jens Gantzel

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Ein Gedanke zu “Der offene Ausgang

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