Die Geschmäcker des Erfolges

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An der Fußball-WM gibt es massig viel zu kritisieren und gute Gründe, sie nicht zu schauen. Und wer es trotzdem tut, wie ich, der kann das ja auch aufmerksam versuchen.

Vorgestern waren die Niederlande gegen Costa Rica klar überlegen und sie waren auch im Elfmeterschießen besser. Das muss ich zugestehen.
Allerdings ist mir beim 11er-Schießen der eingewechselte holländische Torwart Tim Krul negativ aufgefallen. Nicht wegen seiner sportlichen Leistung – er hat hervorragend gehalten – sondern wegen seiner unsportlichen Leistung: Er ging auf der Torraumlinie auf und ab, zelebrierte einen riesen Psycho-Aufriss und ging auf einen gegnerischen Schützen zu, sprach auf ihn ein. Was es auch immer war, was er zu sagen hatte, ob es Drohung, Beleidigung war oder es bei gezielter Verunsicherung geblieben ist, es fällt in die Kategorie höchst unfairen Verhaltens, allerdings auch erfolgreichen Verhaltens. Die Niederlande sind weiter, Costa Rica nicht. Und Tim Krul hat seinem Team den Erfolg gesichert, damit, dass er zwei Elfer gegen Costa Rica reaktionsschnell pariert hat und auch mit den Psychospielchen.

Und er ist nur einer von erfolgreich agierenden, aber mir unangenehm aufgefallenen Spielern bei dieser WM:
Schwalbenkönige, die zwar manchmal hart gefoult werden, aber oft bei leichtesten Berührungen so dramatisch fallen, dass ein Schiedsrichter irgendwann zu deren Gunsten pfeift…
Überhart agierende Spieler, die Körperverletzung ihnen überlegener Spieler billigend in Kauf nehmen oder gedankenlos, dumm oder gar absichtlich herbeiführen…
Spieler, denen die Gäule durchgehen, die zubeißen und sich dann die eigenen Zähne halten…
und nun noch ein Torwart mit Psychotricks.

Dass der ARD-Experte Mehmet Scholl aufgeregt und erbost sagt, dass das nicht mehr sein Sport sei, wenn kreative Spieler wie Neymar, Messi, Özil zusammengetreten würden und kaum bis keinen Schutz durch die Schiedsrichter hätten, kann ich super verstehen und finde es eine enorm wichtige Äußerung und Reaktion, für die ihm Respekt und Dank gebührt. Und beim Gedanken daran, dass die ohnehin mittlerweile in außerordentlich schlechtem Ruf stehende FIFA eine großzügige Gangart der Schiedsrichter vorgegeben hat, damit der Spielfluss nicht so viel unterbrochen wird, und die damit der eigentlich Verantwortliche für übelste Fouls ist, wachsen mir Wutpickel.

In der US-amerikanischen Basketballliga NBA gibt es dieses Verhalten wie von Tim Krul ständig: da heißt es Trash Talk und gehört dazu. Da diese Form von Unsportlichkeit dort weit verbreitet ist und leider zum Tagesgeschehen gehört, ist es ein anderer Schnack. Es ist (hoffe ich) schon eher kalter Kaffee für diejenigen, auf die das Ego-Geschwätz einprasselt. Ich erinnere mich noch an die höhnischen und großmäuligen Kommentare (in einer Pressekonferenz) von LeBron James gegenüber Dirk Nowitzki.

Meiner Ansicht nach kann Sport rau und auch hart sein. Es ist schließlich auch Wettkampf. Das ist das Eine.
Andererseits geht es im sportlichen Wettkampf und in einem Messen der Kräfte auch um Respekt. Um Respekt vor den Gegnern. Das kann anders vereinbart werden, aber dann ist es eine andere Auffassung von Wettkampf.

Sehr spannend finde ich, dass das, was wir gestern im Elfmeterschießen zwischen den Niederlanden und Costa Rica und was wir durch viele Schwalben und üble Fouls in den letzten Wochen gesehen haben, psychologischen Stoff zur Diskussion des Phänomens Erfolg bietet:
Da ist der Wille und die Entscheidung für unbedingten Erfolg. Eine starke Ressource, die uns hilft, Erfolg zu haben!
Aber in den oben genannten Fällen eben für einen Erfolg durch Manipulation oder Mogeln, ein Erfolg, der auf der Basis von Psychotricks, von Unfairness, durch Betrügen und im schlimmsten Fall sogar durch körperliche Gewalt erreicht wurde.

Und so wird sich dieser Erfolg bei näherem Hinsehen auch anfühlen:
auf manipulierende, im Falle der Treter auf gewalttätige Weise und im Fall der Schwalbenkönige auf betrügerische Weise errungen.

Und es bleibt die Frage:
Ging es nicht ohne dieses Verhalten?
Was war los?
Zu wenig Vertrauen in die eigene Leistung?
Zu wenig Vertrauen in die eigenen Talente?
Zu viel Angst vor dem Scheitern?

Übrigens ist das ja leider ein gängiges Verhalten, vor allem abseits des Sports: Erfolg zu erzielen durch Manipulation und/oder Betrug und/oder Gewalt.
Jeden Tag z.B. in Politik, Geschäftsleben und Liebesbeziehungen zu beobachten.
Nicht in Liebesbeziehungen?
Doch, auch in Beziehungen ist das ein sehr häufiges Muster: Erfolg wird erzielt und wird verteidigt durch Manipulation, durch Betrug und/oder Gewalt.

Ich bleib hier jetzt mal bei der Manipulation.

Wie fühlt sich denn ein durch Manipulation, durch Psychomätzchen, durch Betrug oder Schummeln errungener Erfolg an?
Bei klarem, mutigen Hinsehen wird wohl jede/jeder von uns eine (möglicherweise sehr kleine) Situation in der Vergangenheit finden können, worauf das zutrifft, oder? Ich kann nicht abstreiten, dass ich mich an so etwas erinnere.
Wie fühlt sich solch ein Erfolg an?
Meine Erinnerung lautet so:
– der Erfolg ist nicht nachhaltig
– und er schmeckt nicht gut, macht keine wohltuende Freude.

Warum sich dafür entscheiden?
Denn es ist eine eigene Entscheidung, welchen Erfolg ich haben will: den durch Unfairness, Manipulation und aufgeblasenes Ego erzielten, oder den, der sich nach Fairness, Ehrlichkeit, Wertschätzung und eigener innerer Größe anfühlt.

Mann/Frau kann beides machen. Die Entscheidung hat damit zu tun, wie ich mich mit meinem Erfolg fühlen möchte.

In diesem Sinne, ich wünsche Euch und Ihnen eine faire Woche! :)

Jens Gantzel

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