Alle an Deck! Kein Eisberg in Sicht! – Kein Eisberg in Sicht? So so…

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Gerade in den letzten Monaten und gerade durch die Krise in der Ukraine taucht für mich wieder die Frage und das Erstaunen auf, wie schwarz und weiß die Welt doch anscheinend ist und wie massiv politische Konflikte das Zentrum des persönlichen Lebens besetzen können.

Ich stehe beiden Phänomenen etwas verwundert gegenüber.
Da scheint es für sehr viele Menschen auf beiden Seiten des Konflikts ganz klar zu sein, welche Seite im Recht ist, welche „gut“ und welche „böse“ ist.
Und das betrifft sowohl eher unpolitische Menschen als auch politisch, gesellschaftlich interessierte oder aktive Menschen. Bei den letztgenannten finde ich es besonders faszinierend, wie eindeutig da die Wahrnehmung und Lesart der Prozesse zu sein scheint. Und ebenfalls faszinierend (wenngleich das Faszinierende daran bei mir eher ein mulmiges Gefühl auslöst…) , mit welcher Begeisterung und welchem Sendungsbewusstsein diese die oben zuerst genannten „Unpolitischen“ überzeugen wollen, zu überzeugen verstehen, die jeweils andere Seite ins (wenigstens moralische) Unrecht setzen wollen, der „eigenen“ Seite Legitimation verpassen wollen.

Hm, auf mich wirkt beides befremdlich.
Wieso sollten Gruppen (und die ihnen zugehörigen Personen) nicht den Phänomenen von Übertragung (Affekte, Gedanken u.a., die auf eine andere Situation oder auch auf jemand anders bezogen, „erworben“, „gelernt“ wurden und nun mit der aktuellen Situation assoziiert werden) und Projektion (eigene, oft unbewusste, Ängste, Schatten, blinde Flecke, abgewehrte Gefühle, Haltungen etc., die der anderen Seite zugeschrieben werden) unterliegen wie Einzelpersonen auch?
Wieso sollte für mich oder für meine Gruppe der ganze Eisberg sichtbar sein und doch nicht nur ein Teil?

Und noch mehr irritiert es mich, wenn diese Konzepte, Einstellungen, Positionierungen, Meinungen zur persönlichen Identität gemacht werden, wenn ihnen allein die Kraft zur Veränderung oder zur Besserung von Verhältnissen zugetraut, beigemessen wird.

Praktisch daran ist gleichwohl, dass die Beschäftigung mit dem persönlichen Eisberg umgangen werden kann. Die unangenehme Frage danach, wer ich bin, kann klar beantwortet werden, hab ich doch mein Konzept, was mich die Welt verstehen lässt.

Ich hab gar nichts gegen Konzepte grundsätzlich. Sie geben uns Orientierung in der Welt, in der wir leben. Geben uns wertvolle Eckpunkte, gleichsam Haltepunkte, Handlungsmaximen an die Hand in einer Umgebung, die komplex, schnell, reizüberflutend ist und mitunter sogar sinnentleert scheint.

Aber… unter diesen Konzepten ist mehr, viel mehr. Unter dem Demokraten, unter der Kapitalistin, unter dem Freiheitskämpfer, unter der Kommunistin, unter dem Faschisten, unter dem Oligarchen, unter der Aktivistin, unter dem Putinversteher, unter der NATO-Intrigantin, unter dem Großrussen, unter der Separatistin, unter dem OSZE-Beobachter, unter der Ostukrainerin, unter dem Krimtataren, unter dem Kiewer, unter der Moskauerin, unter der Europäerin… Unter all diesen Rollen und Oberflächen ist viel mehr.

Also ist auch unter mir selbst in einer dieser Rollen mehr. Mehr zu verstehen, mehr kennenzulernen als diese Oberfläche…
Zum Beispiel ist da auch ein Eisberg. Ein Eisberg an Unbewusstem. Vielleicht bietet es sich an, eine solche Eskalation für uns als nicht unmittelbare Beteiligte einerseits für Stellungnahme, für’s Farbe bekennen,  für Protest und Analyse zu nutzen, andererseits aber dafür, in uns zu schauen, was da noch ist außer all dem, von dem wir überzeugt sind (die Einstellung, die Rolle), dass es da ist.

Und/oder dafür, zu schauen, was mir das gerade bringt, dass ich mich auf einen Konflikt stürze, an dem ich mittels Meinung oder Aktivismus aus der Ferne teilnehmen will.
Auch hier gibt es Sekundärgewinne (ich habe was davon, dass eine bestimmte Situation genau so ist wie sie ist, auch wenn ich schimpfe und unzufrieden damit bin)…
Vielleicht brauche ich mich dadurch mit einem Gefühl wie Traurigkeit, Angst, Trauer, Sorge, innerer Leere, Scheu, Zorn (was möglicherweise schon längst keiner Aufmerksamkeit, ja, meiner Zuwendung, bedarf) nicht herumzuplagen.

Noch einmal: ich hab nix gegen Positionierungen und Weltbilder als Orientierungsrahmen. Und ich begrüße es, wenn Menschen eine Wachheit, Wachsamkeit, ein politisches Bewusstsein entwickeln, pflegen, reflektieren und umsetzen in Aktivität.
(Ich hab aber schon was gegen Weltbilder, die menschen -/ lebens-/ umweItfeindlich daherkommen!)
Aber: politische, gesellschaftliche Konzepte als allein ausreichende Erklärungsmodelle für Welt, Wahrheit, Verhalten und gar mich selbst als Mensch oder auch als einzige verändernde oder entscheidende Kraft anzunehmen… daran habe ich erhebliche Zweifel und jede Menge Kritik.

Heute durchaus stirnrunzelnd und ausgesprochen nachdenklich wünsche ich Euch und Ihnen eine gute Restwoche!
Jens Gantzel

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