Mut zur Blamage

image

Ich war heute sehr früh endlich mal wieder joggen.
Seit Wochen vorgenommen, sollte der Abbau überflüssiger Pfunde in Angriff genommen werden.
Vor unserem Haus liegt ein schmaler, aber reizvoller Grünzug. Eine Runde mögen etwa 900 m sein, schätze ich. Ich trab also los,  genieße die Morgenstunde, die schöne frische Luft, die Stille und den erwachenden Tag.

Mich überholt ein Jogger… älterer Mann, jedenfalls älter als ich, nicht besonders sportlich. Schon mischt sich Unzufriedenheit in meine Stimmung und ich hadere mit mir selbst. „Alter, du läufst wie ein 100-jähriger Rentner… was heißt hier laufen, du läufst gar nicht, du schleppst dich nur…“ Eine Läuferin kommt mir entgegen, rasant, stolpert fast, so schnell ist die, ein junges schnelles Wiesel. Ich zu mir selbst: „Wie faul und fett du wohl aussehen musst… keuchst nach 2 Minuten, wenn du auch nur ein wenig das Tempo anziehst und mal die Kriechspur verlässt…usw. usf.“
So geht der innere Monolog.
Und erst, als mir eine weitere Läuferin entgegen kommt und ich mich frage, wieviel schneller und behender als ich auch diese Dame gehobenen mittleren Alters läuft, fällt mir wieder ein, dass ich ja heute zum ersten Mal und nach längerer Zeit wieder laufe und doch eigentlich stolz sein kann, es zumindest heute wieder hingekriegt zu haben. Aber das Gefühl der Blamage ist nachhaltig und innerlich beginne ich eine umfassende Rechtfertigung („wenn Ihr wüsstet, warum ich so lahmarschig laufe… was ich alles am Hacken und was ich ausgestanden habe, bis ich überhaupt wieder laufen kann heute… ES IST NÄMLICH DAS ERSTE MAL SEIT MONATEN, HÖRT IHR!!“), um ja nicht blamabel, höchstens noch bemitleidenswert dazustehen.
Aber, es ist nun mal so: Ich tranfunzle dahin und das sieht einem Ozeandampfer beim Wenden ganz schön ähnlich.

Überhaupt kann ich es nicht gut haben, wenn ich etwas tue und alle schauen her.
Nee, stimmt gar nicht!
Wenn es gut läuft, wenn ich sicher bin, dass es gut läuft oder top wirkt, wenn ich selbstsicher bin oder auch, wenn ich einen guten Abenteurergeist („das wird schon irgendwie klappen!“) mobilisiert habe, dann bin ich durchaus ein Pfau, der sein Rad spannt und gern toll ist, selbst als Kasper.
Aber wenn was nicht klappt, wenn ich in einer Situation mir einbilde, durchschaut zu werden, wenn ich mich mickrig fühle, dann will ich nicht gesehen werden, gar nicht. Dann sag ich auch mal was ab. Peinlichkeit ist mies, Blamage übel.
Kennen Sie das? Kennst du das?
Warum eigentlich ist das so? Bestimmt 3,2 Mrd. Menschen blamieren sich täglich… schätze ich mal so.

Was aber passiert genau, wenn wir uns vor Menschen, die wir nicht kennen und mit denen wir in keiner Beziehung stehen, (so wie es bei mir mit den anderen Läufern und Läuferinnen der Fall ist) blamieren bzw. so fühlen,  als würden wir uns blamieren?
Und? Nix.
Es ist doch vollkommen wurscht, ob ich mich vor denen blamiere.
Werden die mich weniger wertschätzen, weniger mögen?
Und wenn schon… aber selbst das bezweifele ich.

Ich hab mich heute gefragt, ob ich eine Person, ein Individuum kenne, die/das sich ständig blamiert…
Klar! Ein Clown! Ein Clown blamiert sich ständig.
Und Homer Simpson erst recht!
Und? Mögen wir ihn deswegen weniger? Halten wir ihn deswegen für unangenehmer, für weniger wertvoll?
Ich denke: Nein.
Warum ist das so?
Vielleicht, weil der Clown seine Blamage mit Würde trägt. Weil er letztlich dazu steht. Weil er sich nicht beständig innerlich rechtfertigt, um die Blamage zu entkräften. Homer Simpson nimmt seine Blamagen mit Humor. Und das gibt ihm viel mehr gewinnenden Charme, als wenn er nur ein cooler Checker wäre,  der seine Blamagen nicht wahrhaben will und sie clever zu vertuschen weiß.
Er blamiert sich und gut.

Und wenn ich mich so erinnere, gab es, wenn ich zu etwas stehen konnte, was blamabel war, fast nie blöde Sprüche oder Missbilligung. Wenn ich ehrlich dazu stehen konnte, gab es ganz überwiegend Anerkennung oder wenigstens Wohlwollen.
Blöde Sprüche gab es möglicherweise, wenn ich nicht zugeben wollte, dass etwas blamabel war, wenn ich mich drumherum drücken wollte.

Eine befreundete Psychologin sagte zur Thematik neulich : „Blamiert Euch! Ich möchte zu Leuten in meinen Kursen zu gern sagen: Blamiert Euch fett! Nutzt die Chance!“
Ganz so drastisch will ich es nicht ausdrücken, aber ich ahne den Gewinn, den sie mit dieser Aussage in den Raum stellt: Es ist der Gewinn der Entspannung, der Lockerheit und vielleicht sogar besserer Leistung, weil eine Person, die ohne Angst, sich zu blamieren, ins Rennen geht, unaufgeregter zu Werke geht als eine Person, der die Angst vor der Blamage auf der Stirn steht.

So, ich probiere das morgen früh wieder aus und dann blamiere ich mich halt, wenn ich schleiche statt jogge.
Mal sehen, wie schwer mir das fallen wird…

In diesem Sinn, Euch und Ihnen ein super Wochenende! :-)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s