Blinde Flecken, jeder Mensch hat sie – du, Sie, ich, jede und jeder.

Guten Tag in die Runde.

Das wird jetzt vielleicht etwas weh tun. Es wird um „blinde Flecken“ gehen. Blinde Flecken, jeder Mensch hat sie – du, Sie, ich, jede und jeder.

Vor gut einer Woche sah ich den Dokumentarfilm „Meine keine Familie“ von Paul-Julien Robert. Der Autor schildert anhand originaler Filmausschnitte und Interviews mit Betroffenen sowie der Auseinandersetzung mit seiner Mutter und seinen vermutlichen Vätern sein Leben in der Lebensgemeinschaft im österreichischen Friedrichshof , die der Aktionskünstler Otto Mühl aufgebaut hat und die von 1979 bis 1991 existierte.
Ich werde im Folgenden von ‚Sekte‘ sprechen, nicht etwa von Lebensgemeinschaft oder Kommune. Dies hat den folgenden Grund: aus eigener Kenntnis verschiedener Kommunen und Lebensgemeinschaften habe ich die Erfahrung gewonnen, dass dort die Würde, die Rechte und die Unverletzbarkeit jedes/jeder Einzelnen einen sehr hohen Stellenwert einnimmt, häufig sogar einen höheren als in üblichen gesellschaftlichen Strukturen. Im Dokumentarfilm über den Friedrichshof hingegen konnte ich einen Umgang mit Menschen beobachten, den ich mit ‚Sekte‘ assoziiere.

Auf mich wirkte der Film ebenso wichtig wie nur sehr schwer zu ertragen.
Wichtig, weil er zeigt, wie schnell sich aus interessanten Ansätzen und guten Absichten Katastrophen entwickeln können, wie sich aus gemeinschaftlichem Handeln kultische Verehrung und nahezu totalitäre Strukturen entwickeln können, wie gesellschaftliches Engagement zu Sektierertum degenerieren kann.
Schwer zu ertragen, weil originales Filmmaterial aus dem Friedrichshof zeigt, wie Menschen, Kinder insbesondere, erniedrigt, beleidigt, gedemütigt wurden: Gequält wurden von Otto Mühl, aber in zweiter Instanz auch von Anwesenden der Veranstaltungen, die beklatschten, wenn ein weinendes, verzweifeltes Kind nach Schmähung und/oder öffentlicher Strafe unter weiteren abwertenden Kommentaren Otto Mühls den Raum verließ. Zudem wurden Eltern, vor allem Mütter, ihren Kindern weggenommen, weil man meinte, das enge Eltern-/Kind-Verhältnis sei ohnehin nur Mist. Und wie dann später die Prozesse gegen Otto Mühl zeigten, wurde es offenbar auch mit der ‚Einführung in die Sexualität‘ so gehalten, dass die Top Dogs (Otto Mühl und die ‚erste Frau‘ in der Gemeinschaft) die Kinder in die Sexualität einführten. Diese in der Öffentlichkeit bekannteren Punkte werden im Film auch erwähnt, spielen jedoch in dieser Dokumentation keine vorherrschende Rolle.

Nach dem Film war ich einigermaßen erschüttert und hatte diverse aggressive Gedanken, wie ich Otto Mühl gern mal die empfangende Seite von Quälerei zum Erleben am eigenen Leib näher gebracht hätte…
So war mein Urteil schnell gefällt und bei facebook gepostet:
Ich hatte im Film auch einen Narzissten gesehen, der Menschenversuche macht und dies als Kunst oder revolutionäre soziale Erneuerung verbrämt.
Nun, zu dieser Einschätzung kann ich immer noch stehen, erkenne aber, wie fix ich ein hartes Urteil zu fällen bereit bin, ohne es erstmal sacken zu lassen, wenn ich mich intensiv betroffen fühle…
Wo ich doch für mich in Anspruch nehme, verstanden zu haben, dass Urteilen eine schwierige Materie ist und dass ich Urteile oft flapsig vom Stapel lasse, aber nur sehr selten ganz ernst meine…
hm…
Ich schaue da wohl besser nochmal hin…
Blinder Fleck?

Ich will aber wetten, dass bei Otto Mühl und manchen Weggefährtinnen und Weggefährten reichlich blinde Flecken vorhanden waren und (und da liegt der Hase im Pfeffer) auch gepflegt wurden.
Wo war da die Reflektion des eigenen Verhältnisses zu Macht, zur Verlockung der Macht, zum Reiz, etwas Neues auszuprobieren und Traumatisierungen von und psychische Gewalt gegen Kinder und Erwachsene in Kauf zu nehmen, zum Verlangen, ohne Rücksicht auf die Verletzbarkeit Anderer Grenzen zu erweitern etc.?
Wo war ein unangenehmer aber konsequenter Blick auf die eigene Bereitschaft, andere zur Pflege der eigenen Größe auszubeuten?
Wo ein unbequemer Blick darauf, gern selbst Verantwortung in die Hände einer Führungspersönlichkeit abzugeben und nicht aufzumucken, was auch immer passiert?

Und selbst wenn ich in einem Bereich eine klare Reflektion dieser Gedanken vollzogen habe, heißt das dann, dass ich das für anderen Bereiche automatisch auch getan habe?
Ich kann ökonomisch die Verlockung der Macht durchschaut, ja sogar ausprobiert und abgelehnt haben:
Ist das im strukturellen Bereich auch so?
Im sexuellen Bereich?
Im politischen Bereich?
Im persönlichen Handeln?
Blinde Flecken…

Das JOHARI-Fenster ist ein Tool, um mit dem Thema der blinden Flecken zu arbeiten.
Es bietet zur Einordnung von Merkmalen der Persönlichkeit und des Verhaltens vier Sektoren an:
Mir bekannt, Anderen bekannt: ‚Arena‘ (oder ‚öffentliche Person‘)
Mir bekannt, Anderen unbekannt: ‚Bereich der Verbergens‘ (oder ‚mein Geheimnis‘, ‚private Person‘ etc.)
Mir unbekannt, Anderen bekannt: ‚Blinder Fleck‘
Mir unbekannt, Anderen unbekannt: ‚Das Unbekannte‘
Es eignet sich sehr gut zur gruppendynamischen Arbeit oder zu Zwecken der Evaluation, etwa wenn es um Feedbacks zum Verhalten geht.
Aber auch als Tool zur Selbstreflektion kann es hilfreich sein.
Warum nicht gelegentlich die Sektoren abschreiten (gern ganz bildlich und aktiv handelnd – legen Sie sich mit zwei Seilen vier Quadranten, legen Sie Zettel mit den Begriffen hinein und gehen Sie herum, bleiben Sie auch mal stehen, spüren Sie Bewegungsdrang und Fluchttendenzen nach, verharren Sie, nutzen Sie dieses Spielfeld).
Fragen Sie sich, was Sie für sich behalten wollen, was Sie andere sehen lassen wollen, was evtl. andere meinen, an Ihnen wahrgenommen zu haben…
Sie können auch über „das Unbekannte“ mutmaßen, aber ich rate in diesem Punkt zur Vorsicht. Da Sie kein Korrektiv haben, bleibt es beim Mutmaßen und wird wenig fruchten, solang Sie diese Punkte nicht mit jemand beschauen, der/die für Sie als neutrale Begleitung dabei ist und Ihnen Rückmeldung geben und eigene Vermutungen aufstellen und mit Ihnen diskutieren kann. Sie müssen es sich ja auch nicht schwerer machen als es ist, oder doch?

Übrigens (und das ist super wichtig!) müssen blinde Flecken nicht per se negativ besetzt sein!
Es kann doch gut sein, dass Sie als ein ganz bereichernder Menschfür das Leben von der einen oder dem anderen Ihrer Bekannten und Freunde wahrgenommen werden… und Sie wissen von nichts, Sie ahnen das gar nicht.
Und auch sind blinde Flecken nicht grundsätzlich ’schlecht‘. Wie viele andere psychische Phänomene erfüllen sie einen Zweck oder haben in der Vergangenheit einen Zweck erfüllt.

Aus meiner Sicht ist ein großer Teil der Persönlichkeitsentwicklung die Bewusstwerdung der eigenen Verhaltensmuster, Wahrnehmungen, Ängste, Motivationen und Bedürfnisse u.m.m.
Ich gewinne an Verhaltensmöglichkeiten, je bewusster ich mir über mich bin. Ich werde sehen, dass es oft eine Vielzahl von Empfindungen in mir gibt und dass sie sich auch widersprechen (dürfen). Und ich bin nicht mehr automatisch mit nur einem dieser Punkte in mir identifiziert.
Das alles lässt mich souveräner handeln, weil ich mich als ein vollständigeres Ich/Selbst wahrnehme. Die Arbeit mit blinden Flecken kann ein enorm fruchtbarer, wenngleich auch schwieriger Teil davon sein. Manchmal tut’s etwas weh, aber mann/frau wird entschädigt, in hohem Maß, finde ich. :-)

Euch und Ihnen ein schönes Wochenende, wünscht, etwas nachdenklich geblieben, Jens Gantzel

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