Druckwalze locker? Noch alle Kameras im Schrank? -Was wären Massenmedien ohne die Psychos

In den letzten 3 Wochen – Urlaub, dennoch mit einigen anderen Tätigkeiten angefüllt – hatte ich 2 Erlebnisse, in deren Mittelpunkt sogenanntes abnormes Verhalten steht:

Im open air Kino sah ich den Film „Hannah Ahrendt„, der durch die faszinierende Antizipation des Eichmann-Prozesses durch Hannah Arendt deutlich zu machen versucht, dass jemand, der den Tod von Tausenden, Millionen Menschen zu verantworten hat, keineswegs als Kranker, als Psychopath daher kommen muss.

Und andererseits einen Artikel („Irre erfolgreich“) in der von mir sehr geschätzten ZEIT, der mich sehr verärgert hat.
Ich lasse gern dahin gestellt, dass möglicherweise manche erfolgreichen Menschen eine Psycho-Schramme haben. Das mag sogar so sein, dass der Anteil von Psychopathen in diesen Gruppen höher ist als im Bevölkerungsdurchschnitt oder auch nicht, genervt hat mich etwas anderes. Nämlich, dass dieser Artikel, wie in Massenmedien sehr oft, sich recht sorglos der scheinbaren Abartigkeit von Kranken bedient. Ich will gar nicht erst aufzählen,  an wie vielen Stellen (für das sonst meist seriös auftretende journalistische Gebaren der ZEIT untypisch) aus meiner Sicht in dem Artikel ziemlich willkürliche und kaum belegte Thesen als Kausalzusammenhänge dargestellt werden. Und es geht mir im Grunde aber auch nicht um diesen Artikel speziell.

Mich ärgert er nur als Beispiel dafür,  wie sich diesem Thema einfach so mit einem „Die Kranken dort, wir gesunde Menschen hier“- Gestus bedient wird. Seit Jahren kommt fast grundsätzlich kein Wallander und leider oft auch kein Tatort und schon gar kein Büchertisch in einer Buchhandlung ohne die Irren, die Monster, die Psychos, die Psychiatrien aus. Der Griff zum Ex-Insassen der Psychiatrie als Kinderschänder, als Frauenquäler, als bestenfalls bemitleidenswertes Randmitglied der Gesellschaft ist ja so schön einfach, wenn fiese Sachen erzählt werden müssen.
Dass Verbrechen, Menschenverachtung, Lebensverachtung, Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung ziemlich übliche Bestandteile verschiedener Gesellschaftssysteme sind und sicher nicht überwiegend von Kranken, von „Gestörten“ ausgeübt werden, lässt sich damit so schön bequem übergehen.
Und wir müssen uns damit nicht auseinander setzen, dass jede/jeder von uns potentiell fähig ist, etwas auszuüben, was in diese Bereiche fällt.

Was hat das alles mit dem Coaching zu tun?

Der Link geht wieder mal – regelmäßige Leser/Leserinnen meines Blogs ahnen es bereits – über meinen Lieblingszugang Bewusstheit.
Die Bewusstmachung von dem, was uns bewegt, den offenen und den verborgenen Gefühlen, den offensiv eingesetzten und den unterdrückten, ist ein Bestandteil der Entwicklung und eine gute Chance zur Integration in uns selbst.
Wer akzeptieren kann, dass er/sie z.B. auch als unkorrekt empfundene, fiese, gar gewalttätige, ausbeuterische Interessen in sich trägt und nicht behauptet, das alles gar nicht zu kennen, zu haben, der kann sich vollständiger selbst annehmen, als der/die, der/die er/sie ist. Ein Mensch mit vielen Seiten, hellen wie dunklen, bunten wie farblosen, ein Mensch mit einem Geflecht an Erfahrungen, die sowohl dies als auch das in ihm/ihr generiert haben.
Wer bereit ist, die Selbst-Bewusstheit vom Mittelmaß sowohl in das Wunderschöne als auch das Dunkle auszudehnen, der/die wird weniger Angst haben, nicht gut genug zu sein, wird weniger Befürchtungen haben, dass doch hinter seine/ihre Maske geschaut werden könnte, wird weniger Bedarf daran haben, Manipulation einzusetzen,  um zu verhindern, durchschaut zu werden.

Bewusstheit ist eine individuelle und auch eine kollektive Chance. Die individuelle wird hierzulande zum Teil wahrgenommen und wertgeschätzt, die kollektive wird nahezu sträflich vernachlässigt. Und dazu trägt eine „Die Kranken dort, wir gesunde Menschen hier“- Haltung fleißig bei.
Dazu gehört auch die abschätzige Haltung, die (ebenfalls durch Medien kolportiert) Psychiatrien und psychosomatischen Kliniken, letztlich auch Psychotherapie entgegengebracht wird.
Im Tatort (übrigens bin ich keinesfalls Tatort-Gegner, im Gegenteil, der gemeinsame Tatort-Abend gehört immer mal wieder zu meiner Woche dazu) gern genommen ist die Aktennotiz „war mal in der Psychiatrie“ und schon haben wir ein passendes Täterprofil im Kopf: irre, gewalttätig, sadistisch.

Kennen Sie jemand, der/die schon mal in der Psychiatrie war?
Ich schon. Und zwar nicht nur einen Menschen.
Und ich selbst war als Folge eines über Jahre aufgebauten Burnouts für 6 Wochen dort. Auf einer Station für Depression und Erschöpfungssyndrom. Aber im Haus war aufgrund unterschiedlichster Stationen auch Kontakt zu Menschen mit bipolarem Verhalten, mit Abhängigkeitsproblematiken, mit dissoziativem Erleben etc. etc. vorhanden.
Und wissen Sie, was ich da für Leute getroffen habe?
Manche mit etwas ungewöhnlichen Macken, diese allerdings alle gefühlt vollkommen harmlos.
Weitaus mehr Leute habe ich angetroffen, denen die jahrelangen Beanspruchungen des Arbeitslebens oder auch jahrelanger Beziehungsstress oder die wirtschaftlich ebenso wie sozial kaum auszuhaltenden Belastungen einer Alleinerziehung oder plötzliche schwere Krankheit (eigene oder von Nahestehenden) so zugesetzt hatten, dass sie zusammengeklappt waren.
Einen stinknormalen Durchschnitt durch die Bevölkerung habe ich angetroffen, nicht mehr und nicht weniger.

Da nervt es hinterher doppelt, wenn ich sehe, wie leicht es doch für manche Leute zu sein scheint, diese Gruppe der Bevölkerung zu stigmatisieren, undifferenziert zu besprechen oder darzustellen.
Merke: die Ausübung von Verachtung, Ausbeutung, Gewalt etc. etc. sind keinesfalls Verhaltensweisen, die Psychiatrieinsassen mehr eigen sein müssen als der ganz „normalen“ Bevölkerung.

Übrigens: auch wenn ich oben vom in jedem vorliegenden Potential für das Ausüben verwerflicher Handlungen gesprochen habe, ist mein Menschenbild doch davon beeinflusst, dass ich Menschen aus verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen, verschiedenster politischer oder religiöser Anschauungen, verschiedenster Herkunft als im Grunde solidarisch, hilfsbereit und menschenfreundlich erlebt habe, erst recht in Krisensituationen.

Förderung der eigenen Bewusstheit heilt, auch wenn es mitunter ein schwierig auszuhaltender Prozess ist.
Wir können in uns schauen. Und wir können sowohl das Dunkle als auch das Lichte in uns respektieren als ein Teil von uns, in die Arme nehmen und integrieren. Wir können das. Ganz sicher.

Euch und Ihnen eine prima Hochsommer-/Spätsommer-Woche! :-)

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Ein Gedanke zu “Druckwalze locker? Noch alle Kameras im Schrank? -Was wären Massenmedien ohne die Psychos

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