Von echten Heldinnen und wahren Helden

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Die Welt ist voller Helden/Heldinnen. Oder könnte es sein. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck auf, wenn ich zur Zeit in Zeitungen oder bei facebook blättere, Diskussionen verfolge, an Start Up-Stories denke und Radio und TV lausche. Auch die ZEIT hat neulich dem Thema ein ganzes Dossier gewidmet:
http://www.zeit.de/2013/30/dossier-helden
Warum auch nicht? Geschichten über Helden/Heldinnen ziehen an. Ich kann mich selbst in den/die Helden/Heldin versetzen und seine/ihre Erfolge feiern, seine/ihre Prüfungen bestehen etc.

Der Blick darauf, wie schwer es jedoch vielen Menschen fällt, die eigene Biographie als Helden-/Heldinnenreise zu erzählen, lässt einen anderen Eindruck entstehen:
Helden/Heldinnen sind die Anderen.
Und bei sich selbst zählen auch nur die besonderen, hervorstechenden Taten (das, was gut und toll und schön und edel ist). Dabei sind viele Helden/Heldinnen in Mythen keineswegs immer eindeutig, immer ohne jeden Zweifel, immer erfolgreich.

Und Helden/Heldinnen , die sich ein Helden-/Heldinnenimage zurecht bauen und fleißig an der aktuellen Heroisierungskultur, am Markt der Heldenwerdung teilnehmen, die es nur als Mittel zum Zweck begreifen, von sich eine Helden-/Heldinnengeschichte zu erzählen… wie können die das schätzen lernen, was ihnen auf dem Weg alles widerfahren ist? Zum Beispiel auch die (glauben wir der Heldendarstellung in vielen Medien) wenig heldenhaften Momente, wo sie sich fragten, was das soll, wo sie zweifelten, wo sie feige waren, wo ihnen etwas misslungen ist etc. etc.
Aber: auch das macht Sie zu Helden/Heldinnen: die Vielfalt der Erfahrungen, das Leben, das nicht immer aus einem Guss kam, das, was zerbrochen ist und wieder zusammengefügt wird.

Ich bin kein Freund inflationärer Helden-/Heldinnenbilder als Selbstverwertungszweck, aber ich bin ein Verfechter der These, dass ein Gefühl, ein Blick der Wertschätzung, einer mutigen Wertschätzung der eigenen Biographie gesünder, stärker, liebevoller, lebendiger und widerstandsfähiger macht.

Im Coaching gibt es die Technik der biographischen narrativen Inseln: Wir setzen bei der Geburt (oder einem Punkt zu Beginn des Zeitabschnitts, den wir näher betrachten wollen) einen Gegenstand (tatsächlich sind schlichte Bauklötze gut geeignet) hin und erzählen.
Als Coach frage ich auch nach, höre aber vor allem zu. Gelegentlich bitte ich Klient/Klientin, an einem Punkt zu verweilen, manchmal interveniere ich und locke zum Weitergehen. Im Wesentlichen aber höre ich zu.
Um jetzt diese Technik um eine gezielte Wertschätzung der eigenen Geschichte zu unterfüttern, bringe ich das Heldenthema ins Spiel. Dafür nutze ich gern kleine Modellfiguren aus dem „Herrn der Ringe“ (eine der differenziertsten Helden/Heldinnengeschichten, die ich kenne) und erinnere daran, wieviel helden-/heldinnenhaftes auf dem bereits gegangenen Weg liegt. Helden-/Heldinnenhaft im Sinne dessen, dass alles dazu gehört (auch das Erdulden, das Aushalten, das Scheitern, Weglaufen, das sinnlose Kämpfen…), um an diesen heutigen Punkt gekommen zu sein.
Wäre Aragorn dieser ebenso kraftvolle wie herzenswarme, tapfere und souveräne Held geworden, wenn er nicht  bereit gewesen wäre, seine langen Jahre als Waldläufer zu akzeptieren und zu würdigen?
Hätte er der Verlockung durch den Ring widerstehen können, wenn er nur ein Heldenimage aufgebaut hätte als Mittel zum Zweck?
Natürlich weiß ich das über die fiktive Figur Aragorn nicht, denke es aber bei meiner Wahrnehmung dieses Charakters mit.

Ich finde einen sehr bewussten Umgang mit der Biographie in dieser Weise so wertvoll, weil vielen (ich behaupte: den meisten) Menschen eine echte, ehrliche und liebevolle Wertschätzung der eigenen Vergangenheit sehr unvertraut ist, wenn diese nicht sogar ganz ausgeblieben ist.
Nur ausgeprägte Narzissten verfügen (jedoch auf eine verquere Weise) über viel Erhöhung der eigenen Geschichte  – jedoch erstens vor allem an der Oberfläche, in der Tiefe meist auch nicht, und zweitens handelt es sich eben eher um Erhöhung, Überhöhung und nicht um Wertschätzung.

Machen wir uns zu Helden/Heldinnen, erzählen wir unsere Helden/Heldinnen-geschichte!
Nicht, weil wir das vor allem zur Verwertung nach außen hin tun, sondern weil wir unser Leben würdigen.
Lassen wir neben unseren gewohnten Blick auf uns, auf das eigene Leben eine Alternative treten:
unser eigenes Heldenepos, was viel mehr ansehen und erzählen kann und darf als nur die Glorie.
Und das ist von außen wahrnehmbar, als überzeugendes heldenhaftes Charisma!

In diesem Sinne:
Euch und Ihnen ein schönes Wochenende und eine prima Woche!

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Ein Gedanke zu “Von echten Heldinnen und wahren Helden

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