Doppel-plus-ungut – Lassen Sie sich gern manipulieren?

Ich mich nicht. Nun, manchmal vielleicht schon… wenn die Versprechungen besonders reizvoll sind und ich kritische Töne nicht wahrhaben will.
Aber: eigentlich mag ich es nicht, wenn ich manipuliert werde oder werden soll.
Mit der allseits bekannten Sprache, die in der Kommunikation durch Marketing, durch Propaganda, durch staatlich wie wirtschaftlich agierende Personen und Institutionen eingesetzt wird, geschieht genau das: gezielte Manipulation. Und je subtiler das passiert, desto wirkungsvoller (und bei kritischer Reflektion desto unangenehmer aufstoßend) ist es.

Der Ausdruck „Beitragsservice“ der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten z.B. suggeriert, dass ich eine Wahl hätte, mich freiwillig für eine Mitgliedschaft entscheiden könne. „Dumm Tüch!“ würde man im Norden sagen. Mit Freiwilligkeit hat das wenig zu tun. Aber es hört sich natürlich besser an als „Rundfunkgebühren“.
Damit kein Missverständnis auftritt: die Existenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunk und TV ist mir sehr wichtig. Selbst wenn es nur darum ginge, ein Gegengewicht zur zu einem erheblichen Teil bunt-blind-blöden Bilder- und Sprachwelt darstellt, mit der uns Murdoch und Konsorten mit ihren radikal auf den Shareholder Value (Wert der Anteile der Anteilseigner) ausgerichteten Medien (diese umständliche Bezeichnung habe ich gewählt, um den verniedlichenden Begriff „Privatfernsehen“ zu umgehen) beeinflussen.
Aber ich hab wenig Lust, mich mit Begriffen wie „Beitragsservice“ verschaukeln zu lassen.

Jahrelang habe auch ich derartige Sprache eingesetzt. Wenn es um Angebote im Einkauf oder Verkauf ging, wurde aus einem „Nein, das werde ich nicht tun“ ein „Ich denke, das ist nicht darstellbar“. Gegenüber Kunden gab es keine „Probleme“, sondern nur „Herausforderungen“ oder „ambitionierte Aufgaben“, Auftragsnehmern (Dienstleister, Lieferanten) gegenüber hätte ich jedoch sehr wohl von „Problemen“ reden können, wenn ich Bezug auf dessen Angebote und Leistungen nahm, da mir die schonungslose Benennung eines Problems auf seinem Tisch ermöglicht hätte,  meine Position zu stärken. Ich bin mir gleichwohl sehr sicher, dass ich und dass wir in fast allen Fällen fair, sogar sehr fair und verantwortungsbewusst mit den Geschäftspartnern umgegangen sind. Aber dennoch: es gab den kalkulierten Einsatz manipulierender Sprachmuster.
Und leider habe ich damals festgestellt,  dass ich auch im Privaten anfing, diese Form der Manipulation kalkuliert einzusetzen…
Seitdem probiere ich möglichst bewusst wahrzunehmen, wenn ich kurz davor bin, mich derartiger Sprache zu bedienen und versuche mich dagegen zu entscheiden. Einer der nächsten Schritte wird für mich sein, die Texte meiner Webseite noch einmal scharf daraufhin zu überprüfen.

Dennoch ist meine Kommunikation keinesfalls frei von Manipulation. Und ich hege nicht den Anspruch, möglichst bald vollkommen frei davon zu werden. Ich gehe davon aus, dass Jede/Jeder von uns manipuliert, oft genug unbewusst. Und dass dies meist aus mehr als nur wirtschaftlichen oder machtgebundenen Interessen sondern z.B. aus ebenfalls unbewussten Gefühlen (z.B. Angst vor Ablehnung, Sehnsucht nach Anerkennung etc.) heraus geschieht. Dies alles mit einem Aufwasch klären und ändern zu wollen, halte ich für zu groß.

Was hilft?
Ein geradezu wunderbarer Satz von Ruth Cohn (Begründerin der Themen zentrierten Interaktion (TZI) und Vertreterin psychodynamisch orientierter Psychologie):
„Sag, was ist.“
Kaum ein Zitat habe ich in den vergangenen Jahren häufiger verwendet (insbesondere im Coaching) und mit auf den Weg gegeben. Das ist keinesfalls ein „doppel-plus-unguter“ Rat, sondern eine sehr weise Leitlinie, wenn es sowohl um die Selbstwertschätzung als auch die Wertschätzung des/der Gegenüber geht und darum, dies auch mitzuteilen.

Was hilft noch?
Der Neusprechblog (http://neusprech.org/) von Martin Haase und Kai Biermann, der sich ausführlich mit den Tricks der Vernebelung durch Sprache befasst. „1984“ von George Orwell noch einmal zu lesen, wird wohl auch kein Fehler sein…

Und – wie immer – hilft es meiner Ansicht nach, sich möglichst bewusst zu werden, dass, wann und wie ich solche Muster einsetze und sich selbst nicht dafür zu verurteilen sondern vielmehr zu akzeptieren, dass ich manchmal so handele und dass ich mich Stück für Stück entscheiden kann, seltener so zu handeln.

Was hilft denn nun sonst noch?
Humor (wie immer ;-)

Euch und Ihnen noch einen prima Sonntag und eine super Woche!

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Ein Gedanke zu “Doppel-plus-ungut – Lassen Sie sich gern manipulieren?

  1. Pingback: Noch mehr Manipulation – Die Macht der Bilder | Wünschen. Wollen. Tun.

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