Disharmonie aushalten können – Durchgangsstadium in Entwicklungsprozessen

Gestern hatte ich wieder Workshop-Samstag. Es war ein schöner Workshopnachmittag mit (nicht immer einfachen) Erkenntnissen für manche Teilnehmer/Teilnehmerinnen. Jedoch war ich gestern nicht so enorm wach, aufmerksam im Denken, Wahrnehmen und Handeln wie ich das sonst von mir kenne. Das hängt noch etwas nach und ich bin ein wenig unzufrieden damit.

Ich will also heute zur Verkettung von Empfinden eigener Fehler, nicht so zufriedener Menschen in Umfeld und nur geringer Chancen zur Korrigierbarkeit dieser Eindrücke schreiben. Das dürfte jeder/jedem von Ihnen bekannt sein. Und vermutlich können Sie die folgende Betrachtung gut auf eigene Vorgänge umsetzen. Diese Konstellation ist ja nicht nur im Arbeitsleben anzutreffen sondern auch im privaten Bereich. Ich werde hier und da allgemeinere Beispiele aus dem alltäglichen Leben (aus Beziehungssituationen) hinzu setzen.

Fragen wir uns, was in einer solchen Situation geschehen ist: In meinem Beispiel sind es

1. Zweifel an der eigenen Leistung (nicht wach/aufmerksam genug gewesen, dadurch anfälliger für Fehler im eigenen Denken und Agieren als sonst)

2. Zweifel an der Qualität des Ergebnisses (Unzufriedenheit mancher Teilnehmer/Teilnehmerinnen mit den schwierigen Erkenntnissen)

3. Mangel an Möglichkeiten zur kurzfristigen Korrektur (keine Zeit mehr, um mit diesen Teilnehmern/Teilnehmerinnen angemessene Nacharbeit zu machen, um sie mit einem besseren Gefühl  den Workshop beenden lassen zu können)

Für sich genommen ist keiner dieser Punkte problematisch: Die Zweifel an der eigenen Leistung können halt auftauchen. Fehler werden gemacht und nicht immer ist eine Leistung super (z.B. nicht aufmerksam genug gewesen – nicht gut genug die Botschaft von Kind/Partnerin/Partner verstanden). Die Zweifel an der Qualität ders Ergebnisses sind erst einmal normal (wenn Teilnehmer/Teilnehmerinnen unzufrieden sind – wenn Kind, Partnerin, Partner sauer sind, sich nicht verstanden fühlen). Der Mangel an Möglichkeiten zur sofortigen Korrektur der Situation kann situationsimmanent sein (Workshop zeitlich begrenzt und nicht auf anschließende Einzelarbeit angelegt  – Kind/Partnerin/Partner muss zur Schule, zur Arbeit) und liegt nicht immer in eigener Hand.

Aber woher dann dieses ungute Gefühl, wenn doch jeder dieser Punkte einzeln bei genauerem Hinsehen gut akzeptierbar erscheint?

In manchen derartigen Situationen (so hier in meinem Beispiel) resultiert es aus der insgeheimen Erwartung, dass sich alle anschließend gut fühlen sollten. Und auch wenn das ein verständlicher Wunsch und ein sinnvolles Interesse ist, ist das schlicht und einfach nicht immer zu machen. Im Coaching und in der Persönlichkeitsentwicklung kommt es vor, dass Klienten und Klientinnen Punkte berühren und dass ich bei ihnen Punkte berühre, die schmerzhaft sein können, die unliebsam sein können. Und es geht natürlich einerseits darum, wohltuende Sichtweisen entwickeln zu helfen, aber mitunter auch bereit zu sein, jemand mit unliebsamen Gedanken, unliebsamen inneren Anteilen zu konfrontieren, wenn diese angeschaut werden wollen. Für das Beispiel aus dem Privatleben heißt das, durch mutige Fragen oder Feststellungen zu riskieren, dass sich Kinder/Partnerinnen/ Partner abgrenzen, frustriert sein können. Weil es möglicherweise nötig ist.

Wenn ich mich aber zu diesem Zeitpunkt in einem Modus befinde, der Settings gern harmonisch und abgeschlossen haben möchte, wird es mir schwer fallen, diesen oberflächlich nicht zufriedenstellenden Zustand zu akzeptieren. Genau das ist dann aber meine Aufgabe. Das liegt auf meinem Tisch: anzuerkennen, dass dort etwas im Prozess ist, dass sich etwas bewegt und wandelt. Und dass das nicht unbedingt mit Harmonie geschieht, sondern mitunter die Zwischenzustände für mich frustrierend ausschauen können. Damit da sein zu können, ist eine gute Stabilisierung für mich selbst und für das System, dessen Dynamik arbeitet, und unter solcher Bewusstheit höchstwahrscheinlich erfolgreich arbeitet.

Euch und Ihnen einen schönen Sonntag und einen guten Start in die neue Woche! :-)

 

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