10 Marienkäfer weiterschicken, oder es knallt! – Der Deal mit Schuldgefühlen  

Vor 4 Tagen bekam ich aus dem Bekanntenkreis mal wieder eine dieser Emails. in denen mir instant Glück und Freude und wunderbare Ereignisse versprochen wurden, wenn ich die Mail (mit den Icons von 10 Glücks(Marien-)käfern garniert) an 10 Freunde weiterleiten würde. Damit würde ich doch zeigen, wie lieb mir jemand ist und dass ich sie/ihn nicht vergessen hätte. So weit, so gut.
Aaaaber… Dann kam die Drohung: sollte ich das nicht tun (böse! böse!), würde ich 4 furchtbare Tage erleben! und das hieße ja auch, dass ich meine liebsten Menschen vergessen hätte!
Okay folks, no problem to be supersticious, but not in that fucking way! Got me?!
Ich schrieb meiner Bekannten dann, dass ich zwar den Gedanken, einem lieben Menschen zwischen Tür und Angel zu zeigen, dass ich ihn/sie nicht vergesse, sehr schön fände und derlei wertschätzende Gesten für sehr wichtig hielte und dass ich mich freue, dass Sie an mich denke, aber diesen Schrott mit Drohen, Schuld einreden und schlechtes Gewissen machen, lästig fände wie das Schmutzige unter den Fingernägeln… nur viel gefährlicher. Wie schnell haben wir uns infiziert, wenn wir uns den Kram zu Herzen nehmen!
Machen wir uns nix vor: Jedes Leben hält reichlich Erinnerungen an Schuld, an Reue bereit: Schuld, einen Menschen enttäuscht, betrogen oder übervorteilt zu haben… Gram, Anvertraute, Schutzbefohlene nicht total perfekt umsorgt zu haben… schlechtes Gewissen, gegen wesentliche Regeln (die mann/frau für wertvoll hält) verstoßen zu haben… Reue, sich unfair, herzlos, gemein verhalten zu haben… Bedauern, unkluge Entscheidungen getroffen zu haben, etc. etc.

„Schuld ist der Superklebstoff aller Probleme“ sagt etwas überspitzt der US-amerikanische Psychotherapeut Chuck Spezzano. Und damit liegt er gar nicht falsch. Das Empfinden, Schuld gehabt zu haben, lähmt uns. Wir erzählen uns die Geschichte unseres Versagens (faktisch oder zugeschrieben bekommen) immer wieder und bauen uns eine Negativ-Ressource für innere Bremskräfte wie „Hätte ich damals doch nur…“, „steht mir eigentlich nicht zu…“ oder „was ich anfasse, mache ich kaputt…“ usw. usf. Es hält uns fern von tiefer Freude, großer Gelassenheit und unbändiger Lebenslust. Immer ist da der Makel.
Und Schuld ist eines der biographisch umfassendsten Themen: als Kind werden uns Schuldgefühle eingeimpft, im jugendlichen und jungen Erwachsenenalter wird dieses Muster weiter aufgeladen durch die Wiederholung solcher Vorwürfe durch andere Menschen und Situationen, als Erwachsene spüren wir den Druck manchmal schon sehr stark (wobei sich das meiste auch noch im Unterbewussten abspielt) und im Alter können wir uns neben allem weiteren Loslassen auch mit einem Berg von Schuldgefühlen herumschlagen.

Ich spreche weitaus lieber von Verantwortung als von Schuld. Warum? Zum Beispiel, weil ich damit aus der passiven Rolle (als Täter oder Opfer (die ja auch „immer mit Schuld haben“, wenigstens ein bisschen) hingestellt zu werden) in die aktive selbstbestimmte Position wechsele. Schuld bekomme ich zugewiesen von Anderen – Verantwortung übernehme ich selbst! Und so liegt auch eine Bewältigung, ein Loslassen, evtl. ein Ausgleich eher in meinem Wirkungsbereich.

Eine gesunde Demut („Gesunde Demut? Was redet der da?“) – ja, eine gesunde Demut, nicht das Kleinmachen, was uns Kirche, Autoritarismus und grimmige Moralvorstellungen jahrhundertelang aufgedrückt haben) – finde ich richtig gut und bin sicher, dass das heutzutage in einer Zeit mit viel viel Phantasien von Omnipotenz ganz gut tun könnte. Aber Schuld immer wieder (in) Menschen aufzuladen, davon halte ich gar nix.

Ich bin aber überzeugt, dass Schuldgefühle auch gut bearbeitet werden können und in der Auseinandersetzung damit viele persönliche Kräfte und Ressourcen befreit werden können. Und ich wäre froh, wenn die Deppen, die solche Mails entwerfen (nicht die, die das weiter versenden (hängen dann eh schon mit drin…) sondern die Urheber), in denen Menschen Belohnung in Aussicht gestellt oder Strafe angedroht wird, mal vorher darüber nachdenken, was sie da tun.
Oder muss ich erst meine Voodoo-Puppe und die Nadeln herausholen? ;-)

Euch und Ihnen eine schöne Woche! :-)

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Ein Gedanke zu “10 Marienkäfer weiterschicken, oder es knallt! – Der Deal mit Schuldgefühlen  

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