Die Seeschlacht in der ZEIT – Selbstbilder festhalten und loslassen

In der ZEIT, Ausgabe 21 vom 16.05.2013 findet sich ein hochinteressanter, jedoch nicht ganz leicht zu ertragender Artikel, der mich anregt, hier zum Thema Selbstbilder zu sprechen. Das Dossier ist nachzulesen unter http://www.zeit.de/2013/21/surfunfall-ostsee-motorjacht
Hintergrund ist ein Unfall auf der Ostsee, bei dem eine Motoryacht mit einem Surfer zusammenstieß. Der Surfer Reinhard Fahlbusch wurde nahezu getötet, lebt jetzt schwerstbehindert weiter, der Yachtbesitzer (die ZEIT nennt ihn Karl Dröhmer) will den Vorfall mittels eines Stabes von Anwälten und Gutachtern klären lassen und das Desaster ist vor den Gerichten bisher noch nicht geklärt.

Ich möchte den Blick, daran anknüpfend, auf Selbstbilder richten. Ich behaupte, dass wir alle Bilder in uns tragen und kultivieren, wie wir uns selbst sehen und von anderen gesehen werden wollen. Zum Beispiel war es mir lange wichtig (und ist es zum Teil noch), als Pfiffikus, als engagierter Unternehmer, als ebenso cool wie männlich wie feinfühlig und phantasievoll zu gelten. Und das ist sicher noch nicht alles. Im Coaching stoßen wir auf diese Vorstellungen von uns selbst.

Und die Frage kommt auf,  was uns diese Selbstbilder nutzen?

In der Katastrophe zwischen Surfer und Motoryachtfahrer lässt sich als gedankliches Konstrukt folgendes hinein interpretieren (ich spreche bewusst von Interpretieren, weil ich ja nicht weiß, was wirklich in den Beteiligten vorgeht):
Der Surfer muss sich unter Schmerzen und seelischer wie physischer Qual von einigen Selbstbildern gezwungenermaßen trennen. Ich phantasiere: Der gesunde, der unversehrte Sportler, überhaupt der Unversehrte, ist nicht mehr, der Familienversorger existiert so ebenfalls nicht mehr, der zuverlässige Personalchef und Immobilienmakler gehört der Vergangenheit an… und vermutlich gibt es noch weitere Selbstbilder, die kaum noch aufrecht zu erhalten sind.
Der Motoryachtbesitzer hat durch diese erlebte Katastrophe die Chance, sich mit seinen Selbstbildern zu konfrontieren und zu prüfen, ob und wie sie ihm helfen. Auch hier weiß ich nicht, um welche Selbstbilder es geht, daher spekuliere ich auch hier und frage mich, welche es wohl bei mir sein könnten, wenn ich eine Yacht für 2,2 Millionen Euro besäße:
Der Klarmacher… der Millionär, der es richtig zu was gebracht hat… der Silberrücken, der die tollsten Frauen abgekriegt hat… der Überlegene, der sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt… der schnittige Fahrer zu Land und zu Wasser… der Gewinnertyp… der, der zu den „oberen 10.000“ gehört…

Es bieten sich viele Selbstbilder an, die man reflektieren könnte… Die Gelegenheit war immer da, aber nun drängt sie sich förmlich auf.
Woraus speisen sich solche Selbstbilder?
Was sollen sie verdecken?
Was nutzen sie jetzt im Umgang mit einem solchen Schnitt im Leben?
Wozu haben sie geführt? Was steht auf dem Zettel am Ende des Tages?

Mitunter reift die Erkenntnis, dass Selbstbilder diverse Zwecke erfüllen:
Sie können dienlich sein, um vorwärts zu gehen (aber auch, um stehen zu bleiben, zum Beispiel die Selbstbilder „armes Opfer der Umstände“ und „ewiger Verlierer“, oder um Zweifel und Reflektion zu unterdrücken wie „der Mann, der nie Fehler macht“ oder „immer auf der Seite der Sieger“), sie können helfen, eine eigene Identität zu kreieren oder zu festigen etc…. Und sie können vor allem auch verschleiern, täuschen – verdecken, wer wir wirklich hinter diesen Fassaden, diesen Rollen sind, verdecken, was bleibt, was uns hinter dem ausmacht, das wir so gern nach außen tragen und anderen zeigen wollen. Zeigen wollen, um uns selbst und andere über unsere vermeintlichen Mängel hinweg zu täuschen.

Wieviel Mühe, wieviel Kosten, wieviel Energie, um nicht nur etwaige Fehler sondern auch ganz viel innere Größe zu verbergen!
Persönlichkeitsentwicklung, Coaching bietet manche Möglichkeiten, sowohl den Rollen als auch dem Selbst dahinter näher zu kommen.

Ich habe mir in den letzten Jahren manchen Zacken aus der Krone brechen lassen (müssen) und es war durchaus erleichternd und befreiend, nicht mehr „ich, DER und DER“ sondern einfach „Ich“ zu sein.

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3 Gedanken zu “Die Seeschlacht in der ZEIT – Selbstbilder festhalten und loslassen

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