Thomas Schaaf und Werder Bremen… – Wie feiern wir Abschiede?

Nun ist es passiert! Thomas Schaaf ist nicht mehr Cheftrainer bei Werder Bremen!
Nach 14 Jahren!
Unfassbar!
Nein, nicht unfassbar. Fassbar!

Wie ist es in unserer Kultur, in unseren Medien, in unserer Gesellschaft, in uns mit einer Kultur des Abschiednehmen bestellt?
Die Webseite tagesschau.de, Zeitungen, Fernsehen etc. suggerienen mir, dass das alles ganz schnell geht.
Ungefähr so: Thomas Schaaf kommt nochmal zum Trainingsgelände, drückt jedem Spieler und manchen anderen langjahrigen Wegbegleitern die Hand, räumt 5, 6 Habseligkeiten in einen Schuhkarton und verschwindet wieder, noch bevor der Motor seines Autos wieder kalt geworden ist. Dann ab ins Eigenheim nach Stuhr und Emails gecheckt, ob die TSG Hoffenheim, Schalke 04 (wie immer rein reflexhaft dabei, wenn ein namhafter Trainer frei geworden ist), Real Madrid oder Fortuna Düsseldorf schon auf den AB gesprochen haben…
Ich glaube, dass Thomas Schaaf viel zu reflektiert ist, um so automatisch nach den Erwartungen der Branche zu handeln, aber die schillernde Welt des Fußballs hätte das gern so, oder?

Dragoslav Stepanovic, Trainerlegende aus den 80ern/90ern, wusste in solchen Situationen immer mit der  Lebensweisheit „Lebbe geht weida“ zu begeistern. Und oft genug wird ein soeben arbeitslos gewordener Trainer zwei Tage später schon wieder für den nächsten Job gehandelt oder gar verpflichtet.

Müssen Menschen nicht auch mal durchatmen?
Also… ich muss auch mal durchatmen… Manchmal auch länger… Und Zeit haben, einen Abschluss zu finden, der stimmig ist.
Warum ist das so?

Weil es eine Sehnsucht nach abgeschlossenen Vorgängen gibt. Wir alle kennen das: einerseits scheuen wir manchmal, Entscheidungen zu treffen, andererseits geht es uns oft besser, wenn wir uns durchgerungen haben, dies zu tun, jenes zu lassen. Wir atmen auf und können sagen: „Ach, ich bin doch froh, dass das Thema jetzt durch ist!“
Klar, viele lose Enden bedeuten viele Optionen. Aber Zufriedenheit anstelle von Getriebenheit setzt meist erst dann ein, wenn etwas „rund“ ist. Zufrieden zu sein mit der abgeschlossenen, vollständigen Gestalt eines Dings, einer Situation, eines Zustandes. Mit dem Abschied erst recht. Wie leicht ist es, einen Abschied schnell wegzukehren: aus den Augen, aus dem Sinn… Aber es bleibt was hängen: nämlich das, was nicht gewürdigt worden ist. Das, was nicht anerkannt worden ist.

Ich hatte in den letzten Jahren viel Gelegenheit, mich zu verabschieden: von Orten, von Menschen, von Selbstbildern, von Visionen… Mehr und mehr nehme ich einen Abschied in Ruhe wahr, werde mir zum Beispiel bei mehreren Gängen der Besonderheiten eines Ortes gewahr, an dem ich gelebt habe. Werde mir noch einmal in der Rückschau dessen bewusst, was ich dort als gut, was als schlecht wahrgenommen habe. Und werde mir auch der Endlichkeit dieser Lebensphase bewusst. Mal freudig, mal traurig, jedoch oft ein sehr sanfter Vorgang.

Mit einer Arbeitsstelle, die ich 14 Jahre lang ausgefüllt hätte und mit dem Weggang eines langjährigen beruflichen oder sportlichen Weggefährten würde ich es heute auch so machen.

Euch und Ihnen schöne Pfingsten!

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